Im Tal des Fuchses: Roman (German Edition)
meiner Kindheit keinen Grund dafür, dass ich zum Versager und zum Kriminellen wurde«, erklärte Ryan. Er fuhr sich mit den Händen über die Augen, die vor Müdigkeit brannten. »Tut mir leid, dass ich dich belogen habe. Falls du mit mir nichts mehr zu tun haben willst …«
»Ja?«
»Dann wäre ich dir nicht böse. Es ist schwierig, zu jemandem wie mir Vertrauen zu haben.«
»Es ist nicht ganz einfach«, stimmte Nora zu, »aber nicht unmöglich. Ist … sonst noch etwas, was du mir nicht erzählt hast? Ich meine, etwas, das ich vielleicht wissen sollte?«
Die ganze Zeit über hatte er sie nicht angeschaut, hatte an ihr vorbeigeblickt in irgendeine Ecke des Zimmers, in der sich nichts befand. Jetzt wandte er den Kopf und sah sie an. Sie erschrak, weil er so zerquält, so sterbenselend aussah.
»Habe ich dir je von Damon erzählt?«, fragte er.
Ryan hatte Damon kennengelernt, als er vierundzwanzig war und gerade wieder wegen ständiger Unpünktlichkeit und permanenten unentschuldigten Fehlens aus einem Job geflogen war. Er befand sich in einer misslichen Lage, denn er hatte zudem Geld aus der Firmenkasse gestohlen, fast achthundert Pfund, aber der Chef hatte das noch nicht gemerkt. Der Abteilungsleiter wusste jedoch davon, wusste auch, dass Ryan der Übeltäter war.
»Pass auf, ich will dir deine Zukunft nicht noch mehr versauen, als du das ohnehin schon mit allen Mitteln zu erreichen versuchst«, hatte er zu Ryan gesagt. »Du bringst das in Ordnung, das heißt, du schaffst das Geld wieder herbei, so schnell wie möglich, und ich halte den Mund über dieses Vorkommnis. Okay? Aber danach will ich dich nie wieder sehen.«
Das Problem war, dass Ryan für das Geld bereits eine exklusive Stereoanlage gekauft hatte, die er nicht mehr zurückgeben konnte. Er versuchte, sich die achthundert Pfund bei einigen Kumpels zu leihen, aber da er ausschließlich Leute kannte, die ebenfalls chronisch klamm waren, merkte er bald, dass es ihm nicht gelingen würde, den erforderlichen Betrag zusammenzubekommen, jedenfalls nicht in der gebotenen Kürze der Zeit. Es wurde eng, der hilfsbereite Abteilungsleiter würde das Fehlen des Geldes nicht länger verschleiern können. Ryan überlegte schon, zu seiner Mutter zu gehen und sie um Hilfe zu bitten, und oft in den Jahren danach wünschte er, er hätte es getan. Aber noch während er mit sich rang – Corinne würde entsetzt, enttäuscht, traurig und vorwurfsvoll reagieren, und Ryan wusste nicht, wie er das aushalten sollte – , traf er jemanden, der jemanden kannte, der wiederum jemanden kannte, der Geld verlieh.
So kamen Ryan und Damon zusammen.
Allerdings traf Ryan Damon in all den Jahren dann nur zwei Mal persönlich, und das auch nur jeweils sehr kurz. Ansonsten hatte er es mit Leuten zu tun, die für Damon arbeiteten – Typen zumeist, denen er nicht allein im Dunkeln hätte begegnen wollen. Er wusste nicht, wo Damon wohnte, er wusste nicht einmal, wie er mit richtigem Namen hieß, denn Damon war angeblich nur einer von mehreren Decknamen. Er hatte auch nur eine ungefähre Ahnung, womit Damon eigentlich genau sein Geld verdiente. Einer seiner Geschäftszweige bestand darin, Geld zu verleihen und mit Wucherzinsen zurückzufordern. Er hatte seine eigene Inkassotruppe, von der es hieß, dass sie vor absolut nichts zurückschreckte, um die Schuldner zum Zahlen aufzufordern, nicht einmal vor Mord, wenn das Geld tatsächlich nicht zu bekommen war und es letztlich darum ging, andere wissen zu lassen, dass sich Damon von niemandem übers Ohr hauen ließ. Damon und seine Leute hatten den Ruf, brutal, sadistisch und vollkommen skrupellos zu sein. Darüber hinaus munkelte man, dass Damon ein schwerer Brocken innerhalb der organisierten Kriminalität war und in praktisch jedem schmutzigen Geschäft, sei es Rauschgift, Waffenhandel, Kinderpornographie oder Geldwäsche, seine Finger hatte. Die Polizei kam offensichtlich nicht an ihn heran; entweder war er zu geschickt bei allem, was er tat, oder er verfügte über zu gute Kontakte in einflussreichen Kreisen, in denen man ihn schützte, weil man von ihm profitierte. Wahrscheinlich war beides der Fall.
Ryan wusste von der ersten Sekunde an, dass er sich mit dem Teufel einließ, und sein Instinkt war sogar wach genug, ihm zu prophezeien, dass dies alles ein schlimmes Ende nehmen würde, aber die Versuchung war zu groß, die achthundert Pfund zu bekommen und das Fiasko in Ordnung zu bringen, das er angerichtet hatte. Dass er dabei in eine
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