Im Tal des Fuchses: Roman (German Edition)
»Natürlich nicht. Es ist nicht leicht, zusehen zu müssen, wie die eigene Frau nervlich langsam vor die Hunde geht. Du glaubst nicht, wie oft ich sie beschworen habe, aufzugeben. Sich etwas anderes zu suchen, notfalls in einer schlechteren Position, dafür mit besseren Arbeitsbedingungen und einem anständigen Gehalt. Es ist doch wirklich lächerlich!« Seine Stimme klang jetzt zornig. »Dafür, dass sie alle Wochenenden durcharbeitet und praktisch keine Minute mehr mit ihrer Familie verbringt, bekommt sie ja noch nicht einmal ausreichend Geld. Es reicht bei uns an allen Ecken und Enden nicht. Vier Kinder! Das muss man erst einmal finanzieren. Und seit unsere Nanny gekündigt hat, habe ich jede Hoffnung aufgegeben, in einer halbwegs absehbaren Zeit noch an meinem Buch arbeiten und damit etwas hinzuverdienen zu können. Ich bin schon froh, wenn ich überhaupt irgendwie durch den Tag komme.«
»Du hältst Alexia bedingungslos den Rücken frei«, sagte ich.
»Ja, ich frage mich nur allmählich, ob das wirklich zu ihrem Besten ist«, erwiderte Ken.
Wir schwiegen beide. Wir wussten, dass sich Alexia verrannt hatte, und doch verstanden wir auch, weshalb sie nicht aufgeben konnte.
Schließlich fragte Ken: »Und du? Wie geht es dir so?«
»Na ja, ich …« Ich nahm noch einen Schluck Bier, ehe ich weitersprach. »Ich komme gerade von Matthew. Wir haben den Tag zusammen verbracht.«
»Ja? Dann geht Alexias Plan auf?«
»Ich weiß nicht … Wir waren eigentlich schon wieder völlig auseinander. Dieser Tag heute war ein Neustart. Ein Versuch, es einmal ohne Vanessa zu probieren.«
Ken runzelte die Stirn. »Ohne Vanessa?«
»Sie war immer dabei«, erklärte ich. »Er konnte von nichts anderem reden. An nichts anderes denken. Er war praktisch zu jedem Moment eines jeden Tages auf der Suche nach ihr. Auf der Suche nach der Erkenntnis, was aus ihr geworden ist. Ich habe das nicht mehr ausgehalten.«
»Kein Wunder. Wer würde das schon aushalten?«
»Er macht jetzt den ernsthaften Versuch, das Problem Vanessa, das Problem ihres Verschwindens abzuschließen. Ich war bei ihm zu Hause. Kein einziges Bild von ihr stand herum, und wie er mir sagte, hat er alle ihre persönlichen Sachen in Kartons verpackt und auf den Dachboden geräumt. Er hat sich wirklich Mühe gegeben, und trotzdem …« Ich seufzte resigniert. »Trotzdem war sie da. Sie war so etwas von präsent. Ihr Haus. Ihr Garten. Ihre Möbel. Ihr … Geist in diesem Haus. Matthew und ich waren beide vollkommen verkrampft. Wir haben zusammen gekocht und uns stundenlang über Salatdressings unterhalten, damit wir bloß nicht in die Nähe eines Gesprächs kommen, das uns wieder aufs Glatteis führen könnte. Nach einer ganzen Flasche Wein waren wir immerhin enthemmt genug, einander zu gestehen, dass wir uns beide für Salatdressing überhaupt nicht interessieren …« Ich seufzte wieder. Ich wusste nicht, wie ich es Ken erklären, wie ich diesen bleiernen Tag beschreiben sollte. Ich hatte mich wie ein Eindringling gefühlt. Die Frau, die in Vanessas Leben trat, in ihr Haus, in ihre Küche. Die ihren Mann wollte. Und der das eigentlich nicht zustand.
Matthew war vollkommen nervös gewesen, absolut entschlossen, bloß keinen Fehler zu machen. Es hatte mich gerührt zu sehen, wie er sich bemühte, herzlich und fröhlich und normal zu sein. Wir tranken den Wein auf der Terrasse, und ich sprach ihn auf die herrlichen Rhododendren an, die gerade überall im Garten zu blühen begannen, und er sagte: »Ja, die hat …« Und er verschluckte den Rest des Satzes und trank hastig von seinem Wein. Ich wusste, dass er um ein Haar ihren Namen gesagt hätte. Die hat Vanessa gepflanzt oder Die hat Vanessa geliebt. Etwas in dieser Art.
Wir gingen mit Max spazieren, das war die beste Stunde des Tages. Auf neutralem Boden funktionierte es besser zwischen uns, obwohl man auch nicht sagen konnte, dass die Anspannung sofort von uns abfiel. Gegen halb sechs kamen wir zurück ins Haus, und ich begann mich zu fragen, wie der Tag wohl enden würde, genauer: Ich begann, ehrlich gesagt, über Sex nachzudenken. Ich hatte allerdings nicht den Eindruck, dass Matthew diesen Gedankengang teilte. Er wirkte einfach nur noch gestresst und überfordert. Letztlich geht es bei Sex ja auch um die banale Frage: Wo? Matthews Schlafzimmer, das er jahrelang mit Vanessa geteilt hatte, schied definitiv aus, das war schon mal klar. Gab es ein Gästezimmer? Aber wie würde sich Matthew fühlen, wenn er sagte:
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