Im Tal des Fuchses: Roman (German Edition)
ihre Depressionen hat, kann man sie nicht allein unter Menschen lassen«, verkündete er einem grinsend lauschenden Auditorium. »Dann ist kein Kerl vor ihr sicher. Wer nicht bei drei auf dem Baum sitzt, landet zwischen ihren Beinen. Ist doch so, Jenna, stimmt’s?«
»Hör doch auf damit!«, fuhr ich ihn an.
»He, ist doch keine Schande. Wir haben doch schon oft darüber gesprochen. Jenna hat depressive Phasen«, erklärte er den anderen, »und da ist so ein Verhalten keineswegs ungewöhnlich. Sie kann dann auch gar nichts dafür. Sie kann sich selbst nicht mehr spüren, es sei denn, sie treibt es mit irgendeinem Kerl.« Er sah mich an. »So hast du es mir mal erklärt, Jenna!«
Mit diesen Worten hatte ich es nicht erklärt, aber inhaltlich stimmte es, was er da von sich gab. Ich hatte ihm gesagt, was in mir vorgegangen war, als ich mich seltsam verhalten hatte , und Garrett hatte daraufhin das Internet nach einer Erklärung durchstöbert. Er war darauf gestoßen, dass depressive Menschen zu Promiskuität neigen können, auch wenn dies ihrem eigentlichen Wertesystem völlig entgegenstand. Seitdem lief ich bei ihm unter depressiver Charakter, obwohl nie ein Arzt diese Diagnose gestellt hatte, allerdings hatte ich auch nie einen Arzt aufgesucht. Ich hatte das hingenommen, weil das beschriebene Krankheitsbild ja in gewisser Weise eine Entschuldigung für mich darstellte. Tatsächlich aber war mir nicht wirklich klar geworden, was mit mir los war, nur hatte ich manchmal das Gefühl gehabt, dass es mit der Kälte meiner Mutter zusammenhing. Und später mit der Art unserer Trennung, dem wortlosen Auseinandergehen. Manchmal war ich innerlich so verlassen wie ein kleines Kind, das sich verirrt hat. Obwohl ich viel zu alt für eine solche Empfindung war.
»Wir hatten beide einen schweren Tag«, sagte Ken leise. »Das eben hatte einfach damit zu tun, dass …« Er suchte nach Worten, fand aber nicht die richtigen.
»Ein schwerer Tag«, wiederholte er schließlich nur. »Eine schwere Zeit.«
»Ich fahre jetzt nach Hause«, sagte ich. »Danke für das Bier.«
»Ich würde dich gern fahren«, sagte Ken, »aber Alexia hat das Auto, ich habe nur das Motorrad, und außerdem … die Kinder …«
»Nein, auf keinen Fall. Sei einfach so nett und bestelle ein Taxi, ja?«
Schon während er noch im Haus war, um zu telefonieren, verließ ich durch den überdachten Gang das Grundstück und wartete auf der Straße. Ken folgte mir nicht, worüber ich froh war. Das Taxi kam zum Glück sehr schnell.
Ich sollte mir unbedingt wieder ein Auto anschaffen, dachte ich, nachdem ich eingestiegen war und dem Fahrer meine Adresse genannt hatte, von Männern gefahren zu werden macht mich abhängig, und Taxis ruinieren mich auf die Dauer.
Was mich auf meine unglücklichen finanziellen Verhältnisse brachte, die letztlich dazu geführt hatten, dass ich mein Auto verkauft hatte.
Ich sollte mein Leben ändern. Grundsätzlich. Meinen Beruf, meine Wohnung. Ich brauche mehr Geld. Ich brauche eine Ausbildung.
Es war dumm gewesen, auf einen richtigen Beruf zu verzichten, nur um schnell von meiner nörgeligen Mutter wegzukommen. Jetzt murkste ich ewig herum, weil ich nichts Solides vorzuweisen hatte. Ein Studium. Vielleicht sollte ich studieren. Mit zweiunddreißig war ich nicht zu alt dafür, und zweifellos war es eine bessere Idee, als unterbezahlt in einer langweiligen Redaktion zu versauern, einem netten, aber beziehungsgestörten Mann wie Matthew nachzuhängen und mich zwischendurch an die Ehemänner meiner Freundinnen heranzumachen.
Uni. Studium. Der Gedanke gab mir Auftrieb. Als ich zu Hause ankam, fühlte ich mich schon nicht mehr ganz so elend. Irgendwie unabhängig und entschlossen. Dennoch klopfte mein Herz, als ich sah, dass der Anrufbeantworter blinkte.
Es war Matthew.
»Es tut mir leid«, sagte er. Mehr nicht.
Mir tat es auch leid. Sehr sogar. Aber ich würde von nun an meinen eigenen Weg gehen. Matthew konnte ihn gerne mitgehen, aber ich würde nicht darauf warten, dass er es tat.
Allerdings würde ich im tiefsten Inneren wahrscheinlich nicht aufhören können, auf eine Zukunft mit ihm zu hoffen. Es wäre so schön, wenn sich Gefühle einfach ausschalten ließen.
12
Dan hatte es sich in den Kopf gesetzt, in dem kleinen Raum neben dem eigentlichen Copyshop ein Fotostudio aufzubauen, und Ryan war an diesem Montag dazu abkommandiert worden, die Wände zu streichen. Eine Arbeit, die er eigentlich nicht schlecht fand, denn sie
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