In deiner Hand
vergessen? So wie Brian?
Hatte der wohl schon all die Erinnerungen an mich ausgelöscht? Ich hörte mich „Mama!“ schniefen und weinte nur noch lauter. Ich wollte nicht wegen Brian heulen! Ich wollte nicht heulen weil ich einsam und verzweifelt war! Ich hatte mich schon mit weitaus größeren Problemen herumgeschlagen! Und doch war ich einfach nur ein dummes, fünfzehnjähriges Mädchen, genau wie alle immer gesagt hatten. Am Ende war ich doch nur ein Kind, das vom Leben keine Ahnung hatte und auch nicht von der Liebe.
Ich lag zusammengerollt auf der Couch und flennte wie ein Schlosshund, den man in einem riesigen, kaltgrauen Schloss allein zurückgelassen hatte und der sich nur nach jemandem sehnte, der ihm mal hinter den Ohren kraulte und ihm etwas zu Futtern vor die Pfoten stellte. Jemanden der ihn lieb hatte und sich um ihn sorgte. '
Ich beschloss Charles auf dem Handy anzurufen, erreichte aber niemanden. Was mich nur wieder zum Weinen brachte. Den ganzen Nachmittag lag ich auf der Couch und starrte die blöde Glasplatte vom Wohnzimmertisch an. Die Talkshows im Fernsehen wurden immer bekloppter, aber ich fand keine Energie mich aufzurichten und nach der Fernbedienung zu greifen. Mein Magen knurrte seit Stunden, doch auch zum Essen fehlte mir die Motivation. Ich musste wieder an Maria denken, an ihre merkwürdige Reaktion und an die Tatsache, dass gar keiner auf der Veranda gestanden und auf mich gewartet hatte.
Erik schoss mir durch den Kopf, wie er mit gesenktem Kopf an der Wand gelehnt dastand und seine Turnschuhe anstarrte, während ich ihm unmissverständlich mein Blut für die Zukunft verweigerte und damit sein Todesurteil unterschrieb. Onyx laberte etwas von Krieg, Taylor weinte über seinen Bruder und aus einem mir unerfindlichen Grund musste ich auch an Linda denken und daran, dass jemand, der ihr scheinbar sehr viel bedeutet hatte, für Eriks Amoklauf hingerichtet worden war.
All diese Personen hatten schon so viel Scheiße durchgemacht. Und was tat ich? Ich lag hier auf dem Sofa und heulte, weil mein Lehrer mich aus seinem Kopf haben wollte.
„Scheißendreckverdammter!“, fluchte ich und richtete mich auf.
Das war schon mal geschafft! Jetzt musste ich meinen schwachen Körper nur noch irgendwie in die Küche bekommen, mir etwas zu Essen zwischen die Kiefer werfen und irgendwie die Terrasse von meinem Blut reinigen. Mum würde einen hysterischen Anfall kriegen, wenn ich versuchte ihr eine Geschichte von einer explodierenden Katze aufzutischen. Das hätte vielleicht mit acht Jahren geklappt, aber doch nicht mit Fünfzehn!
Mein erster Griff ging zur Fernbedienung, der zweite zum Sofa. Ich stützte mich mit der Hand ab und hievte meine zerknautschte Wenigkeit aus den Sitzpolstern. Mit schlurfenden Schritten trottete ich rüber in die Küche und suchte nach dem Essen, das Maria für mich vorbereitet hatte. Die Mikrowelle war leer. Seltsam. Ich bückte mich vor den Schrank, vor dem Maria gestanden hatte, als ich in die Küche kam, und öffnete die Türen. Außer leeren Töpfen fand ich nichts. Der Hunger trieb mich weiter an und ich begann jede Schranktür zu öffnen und durchwühlte sogar den Kühlschrank. Doch zwischen eingeschweißtem Tofu und irgendwelcher Bio-Gurken, standen nur probiotische Joghurts.
„Na toll!“, stöhnte ich und grabschte nach einem Joghurt. „Guten Appetit!“
Dabei hatte ich mich auf leckeren Braten mit Kartoffeln oder ähnlich Herzhaftem gefreut. Mein Blick schoss sofort zum Backofen. Ich warf den Becher praktisch von mir und hechtete auf den Ofen zu. Mein Magen jubelte erfreut, weil ich eine kleine Auflaufform gesichtet hatte, in der irgendetwas Überbackenes darauf wartete, erhitzt und aufgegessen zu werden. Trällernd hüpfte ich durch die Küche, richtete Teller und Besteck vor und rieb mir hungrig die Hände. Das LED am Ofen ging aus und ich riss die Klappe vor Hunger fast aus der Verankerung. Der glühendheiße Auflauf – Kartoffeln mit Brokkoli und Hackfleisch! - stand dann auch endlich auf dem Tisch und ich begann mir bergeweise davon in den Mund zu schaufeln, ohne zu schlucken.
Es schmeckte himmlisch!
Zufrieden ließ ich den Blick durch die Küche schweifen, blieb aber immer wieder an dem Auflauf hängen. Irgendetwas an der Auflaufform störte mich gewaltig, doch konnte ich überhaupt nicht sagen worum genau es sich dabei handelte. Ich schaufelte weiter und versuchte dem keine Beachtung mehr zu schenken. Es fiel mir dann doch wie Schuppen von den Augen, als ich
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