In meinem Himmel
Miss Ryan?«
»Ja.« Miss Ryan war von einer katholischen Schule an die Kennet gekommen und hatte das Fach Kunst von zwei Ex-Hippies übernommen, die gefeuert worden waren, als der Brennofen explodierte. Wir waren in unserem Kunstunterricht von wilden Experimenten mit geschmolzenen Metallen und dem Formen von Ton zum tagtäglichen Zeichnen von Profilen hölzerner Figuren übergegangen, die sie zu Beginn jeder Stunde in steifen Positionen aufstellte.
»Ich habe nur die Aufgabe gemacht.« Es war Ruth Connors. Ich erkannte ihre Stimme und Ray auch. Wir hatten alle gemeinsam Englisch bei Mrs. Dewitt.
»Das hier«, sagte Mr. Peterford, »war bestimmt nicht die Aufgabe.«
Ray griff nach meiner Hand und drückte sie. Wir wussten, worüber sie sprachen. Die Fotokopie von einer von Ruths Zeichnungen hatte in der Bibliothek die Runde gemacht, bis sie bei einem Jungen am Zettelkatalog gelandet war, der von der Bibliothekarin damit ertappt wurde.
»Wenn ich mich nicht irre«, sagte Miss Ryan, »hatte das anatomische Modell keine Brüste.«
Die Zeichnung bildete eine liegende Frau mit gekreuzten Beinen ab. Und sie war keine Holzfigur, deren Gliedmaßen durch Drahthaken miteinander verbunden waren. Sie war eine richtige Frau, und ihre kohlefleckigen Augen- ob zufällig oder absichtlich - verliehen ihr einen lüsternen Gesichtsausdruck, dessen Anblick jeden Teenager entweder höchst unangenehm berührte oder sehr beglückte, vielen Dank.
»Das Holzmodell hat auch keine Nase und keinen Mund«, sagte Ruth, »und trotzdem haben Sie uns ermutigt, Gesichter einzuzeichnen.«
Wieder drückte Ray meine Hand.
»Das reicht, junge Dame«, sagte Mr. Peterford. »Es ist die liegende Position auf dieser Zeichnung, die den Nelson-Jungen dazu veranlasst hat, sie zu fotokopieren.«
»Ist das meine Schuld?«
»Ohne die Zeichnung gäbe es kein Problem.«
»Es ist also meine Schuld?«
»Ich möchte, dass du dir die Situation klarmachst, in die dies die Schule bringt, und uns unterstützt, indem du das zeichnest, was Miss Ryan der Klasse aufträgt, und zwar ohne unnötige Ausschmückungen.«
»Leonardo da Vinci hat Leichname gezeichnet«, sagte Ruth leise.
»Verstanden?«
»Ja«, sagte Ruth.
Die Bühnentür ging auf und zu, und einen Moment darauf hörten Ray und ich Ruth weinen. Ray formte mit dem Mund die Worte
raus hier
, und ich kroch ans Ende des Gerüsts, wo ich meinen Fuß hinunterbaumeln ließ, um Halt zu finden.
Noch in derselben Woche sollte Ray mich an meinem Spind küssen. Es passierte nicht oben auf dem Gerüst, wie er es gewollt hatte. Unser einziger Kuss war wie ein Unfall- ein wunderschönes Schillern von Benzin.
Ich kletterte, Ruth den Rücken zuwendend, vom Gerüst. Sie bewegte oder versteckte sich nicht, schaute mich nur an, als ich mich umdrehte. Sie saß auf einer Holzkiste am hinteren Bühnenrand. Neben ihr hingen ein Paar alte Vorhänge. Sie beobachtete, wie ich auf sie zukam, wischte sich jedoch nicht die Augen ab.
»Susie Salmon«, sagte sie, einfach als Bestätigung. Die Möglichkeit, dass ich die erste Stunde schwänzte und mich in der Aula hinter der Bühne verbarg, war bis zu jenem Tag ebenso abwegig gewesen wie die, dass das gescheiteste Mädchen aus unserer Klasse vom Disziplinarbeauftragten angeschnauzt wurde.
Ich stand vor ihr, meine Mütze in der Hand.
»Das ist eine blöde Mütze«, sagte sie.
Ich hob die Glöckchenmütze hoch und sah sie an. »Ich weiß. Meine Mom hat sie gemacht.«
»Du hast also mitgehört?«
»Kann ich mal sehen?«
Ruth entfaltete die stark abgegriffene Kopie, und ich starrte sie an.
Mit einem blauen Kugelschreiber hatte Brian Nelson dort, wo die Beine der Frau gekreuzt waren, ein obszönes Loch gemalt. Ich wich zurück, und sie beobachtete mich. Ich konnte etwas in ihren Augen aufflackern sehen, eine Frage, und dann bückte sie sich und holte ein in schwarzes Leder gebundenes Skizzenheft aus ihrem Rucksack.
Die Zeichnungen darin waren wunderschön. Überwiegend von Frauen, aber auch von Tieren und Männern. So etwas hatte ich noch nie gesehen. Jede Seite war mit ihren Zeichnungen bedeckt. In dem Augenblick wurde mir klar, wie subversiv Ruth war, nicht, weil sie Bilder von nackten Frauen zeichnete, die von ihren Mitschülern missbraucht wurden, sondern weil sie talentierter war als ihre Lehrer. Sie war eine sehr stille Rebellin. Eigentlich ein hoffnungsloser Fall.
»Die sind wirklich gut, Ruth«, sagte ich.
»Danke«, erwiderte sie, und ich blätterte weiter die
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