Irgendwie Top
kleine Haus, welches er für Tim gebaut hatte. Der Zufluchtsort, wo er ihn finden konnte, wenn Tim unglücklich gewesen war. Dort hatte er immer auf ihn gewartet. Damals war Markus noch für ihn da gewesen, um ihn zu beschützen.
Kalte Wut kam in Markus hoch, als ihm einfiel, was heute geschehen war. Heute hatte er ihn nicht schützen können und auch zukünftig würde er es nicht können. Kein schöner Gedanke.
„Woran denkst du gerade?“, erkundigte sich Alex leise und Markus bemerkte nun erst, dass er ganz dicht neben ihn getreten war, die Hand auf seinen Oberarm gelegt hatte.
„Daran, dass ich meinen kleinen Bruder früher besser schützen konnte“, gab Markus ehrlich zu und erwiderte auf Alex' unausgesprochene Frage im Hochziehen der Augenbrauen: „Er hat heute in der Schule eine Abreibung bekommen, weil sie gesehen haben, wie er seinen Freund im Auto geküsst hat.“
Alex stieß schnaubend die Luft aus. „Mist! Homophobe Arschlöcher gibt es leider überall.“
„Leider“, bestätigte Markus achselzuckend. „Mich haben sie immer in Ruhe gelassen.“
„Kein Wunder.“ Alex drückte Markus' Arm einmal fest. „Niemand würde sich mit Mister Muskelprotz anlegen wollen.“ Er wirkte nachdenklich, blickte weiterhin zu dem Waldstück hin.
„Hast du mal deswegen Probleme bekommen?“
„Kann man so sagen. So ein amerikanisches Heteromännchen, der seine Männlichkeit infrage gestellt sah, als er mich mit einem Fick im Auto neben sich auf dem Parkplatz entdeckt hat. Der Typ hat rumgeschrien, mir beinahe das Dach eingeschlagen und mich glatt vom Ficken abgehalten. Als ich ausgestiegen bin und ihn zur Rede gestellt habe, hat er mir doch glatt eine verpasst. Ich bin fast k. o. gegangen. Der hätte wohl noch mehr angerichtet, wenn seine Freundin ihn nicht davon abgehalten hätte. Zum Glück, denn wenn der mir wirklich die Nase gebrochen hätte, wäre das ziemlich schlecht für meine Modelkarriere gewesen.“ Alex grinste, doch Markus kannte ihn genügend, um zu wissen, dass die Sache wirklich ernst gewesen war.
„Zu dessen Pech gab es mehrere Zeugen und die Sache ist ihn letztlich recht teuer zu stehen gekommen. Vielleicht hat er sich insgeheim gewünscht, er hätte mich gefickt, statt seiner Freundin, aber die Chance hatte der sich selbst vermasselt. Dabei sah der gar nicht mal so schlecht aus. Ein echter Hetero hat meistens kein Problem mit einem Schwulen. Das sind eher die, die frustriert bi sind und es nicht wahrhaben wollen.“
Markus nickte bedächtig. Was sollte einen Hetero auch ein schwuler Mann kümmern? Keine Konkurrenz. Nun ja, Mum würde bestimmt auch nicht begeistert sein, wenn sie von Tims Erlebnis hören würde. Genau davor hatte sie schon zuvor Angst gehabt. Wie sie immer besorgt war, dass Tim etwas passieren könnte. Vermutlich fühlte sie sich besonders verantwortlich für sein Wohlergehen, da er keine leibliche Mutter mehr hatte. Und Tim liebte sie, wie man eine echte Mutter nur lieben konnte, hatte sich daher auch sehr schwer damit getan, ihr von seiner Neigung zu erzählen, nachdem sie schon Markus' Outing hatte verkraften müssen. Keine leichte Zeit, für keinen von ihnen.
Alex fester Händedruck beendete seinen Gedankengang abrupt.
„Los, mein Freund!“, Alex betonte das Wort und lächelte Markus auffordernd an. „Dann stelle mich mal deinen Eltern vor. Ich bin sehr gespannt, was sie sagen werden.“
Ich auch, dachte Markus und spürte die Nervosität wie einen Heißluftballon im Aufwind in sich aufsteigen. Oh Mann, es wird ernst. Entschlossen umklammerte er die Blumen, nickte Alex zu und marschierte los. Mit jedem Schritt beschleunigte sich sein Herzschlag, die Finger wurden feucht und an seinem Rücken bildete sich eine dünne Schweißschicht. Ein bisschen kam er sich wie in einem Western vor, nur statt der staubigen Straße aufeinander zu, gingen sie nebeneinander über den Gehweg zur Pforte des unschuldig wirkenden weißen Häuschens. Zum Glück konnte man sie vom Küchenfenster aus nicht sehen, sodass sie unbemerkt das Grundstück betreten konnten. Alex blieb etwas zurück und Markus wagte es nicht, sich noch einmal umzudrehen. Sein Finger zögerte über dem Klingelknopf, er holte sehr tief Luft und zischte durch die Lippen: „Letzte Chance abzuhauen, Herr Rotkamp. Ab hier gibt es kein zurück mehr! Hinter dieser Tür liegt das Reich von Mum Dawson.“
Eine warme Hand umschloss seine, drückte einmal hart zu.
„Point of no return“, flüsterte Alex hinter ihm
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