Jenseits Der Schatten
Fragen: War er bereit, Blutjungen zu nutzen, um die Arbeit zu tun, die die Wachen nicht tun konnten? Wie viel Amnestie war er zu gewähren bereit? Würden Diebe ungestraft davonkommen? Schläger? Erpresser? Vergewaltiger? Mörder? Was würde die Strafe für jene sein, die sich im neuen Cenaria bestechen ließen?
»Unser erster Schlag wird hart sein müssen. Die Beschlagnahmung von Vermögen, Verhaftungen, die Bereitstellung von ehrlichen Arbeitsplätzen. Großes Zuckerbrot, lange Peitsche. Und die meisten unserer Pläne werden wahrscheinlich nur Bestand haben, bis das erste Schwert gezückt wird.«
Logan blieb lange Zeit still. Dann sagte er: »Wenn wir das tun, werde ich nicht Euch das Kommando über die Ausmerzung der Sa’kagé geben.«
»Was?«
»Ich werde nicht so viel Macht in Eure Hände legen. Ihr könntet mit einem Wort jeden vernichten, und ich würde keine Ahnung haben, ob Ihr die Wahrheit sprecht. Rimbold Drake wird das Kommando führen. Ihr werdet für ihn arbeiten. In Ordnung?«
Lange Sekunden stand ein kalter Ausdruck in Momma Ks Augen. Dann verschwand er. »Ich sehe, dass ich mich daran gewöhnen muss, Befehle entgegenzunehmen. Ja, es ist in Ordnung. Vielleicht seid Ihr der König, der dies tatsächlich zuwege bringen kann. Euer Majestät, ich schwöre Euch meine Gefolgschaft
und Treue.« Sie kniete anmutig nieder und berührte seinen Fuß.
»Gwinvere Kirena, hiermit begründe ich das Haus Kirena, ebenbürtig den großen Häusern des Reiches. Ich gewähre Euch und Eurem Haus auf unbegrenzte Zeit die Länder, die sich vom Schmugglerarchipel im Westen bis zum Fluss Wy im Osten und von den Grenzen Havermeres im Norden bis zur ceuranischen Grenze im Süden erstrecken. Erhebt Euch, Herzogin Kirena.«
Sie stand auf. »Euer Majestät, da ist noch etwas. Gestern erhielt ich die Bestätigung eines früheren Berichtes, dem ich keinen Glauben geschenkt hatte. Wie dem auch sei, meine Quellen hatten durch Lügen nichts zu gewinnen. Beide waren in der Vergangenheit vertrauenswürdig. Ich weiß nicht, wie das möglich ist, aber ich glaube, es ist wahr. Ich wollte es Euch nicht erzählen, bevor wir unsere eigenen Verhandlungen abgeschlossen hatten, weil ich bei Euch nicht den Verdacht erwecken wollte, ich würde versuchen, Euch zu beeinflussen.«
»Das ist eine weitschweifige Ankündigung. Worum geht es?«, fragte Logan.
»Eure Gemahlin ist während des Staatsstreichs nicht gestorben, Euer Majestät. Jenine ist in Khalidor. Sie lebt.«
Einige Zeit nach Einbruch der Dunkelheit blieb das Rad stehen. Kylar riss den Kopf hoch. Er blinzelte durch das Flusswasser, das aus seinen Haaren rann, und schaute sich um. Das Blinzeln schmerzte noch immer, aber er konnte jetzt mit dem Auge, das am Morgen blind geworden war, wieder Umrisse erkennen.
Ein junger Mann in Rüstung stand vor ihm. Offensichtlich war er ein Angehöriger von Logans Leibwache. »Man hat mir eine Nachricht übermittelt, Kagé«, sagte er. »Aristarchos ist gesund und sicher daheim bei seiner Frau und seinen Kindern.
Die Gesellschaft wünscht, Euch zu danken, und hofft, dass das Anhalten des Rades für einige Stunden eine kleine Wiedergutmachung ist.« Er schaute zu einer der Brücken hinauf.
Durch die Dunkelheit sah Kylar einen Ladeshi, dem er noch nie begegnet war. Der Mann hob grüßend die Hand, obwohl in der Dunkelheit niemand außer Kylar ihn sehen konnte. Dann entfernte sich der Ladeshi. Also hatte Aristarchos ban Ebron seine Sucht überlebt. Kylar hatte nicht gewusst, dass er Familie hatte. Er fragte sich, was Aristarchos’ Frau gedacht hatte, als ihr schöner Gemahl mit geschwärzten Zähnen und Zahnlücken zurückgekehrt war, nachdem er sein Aussehen und seinen Stolz einer Sache geopfert hatte, die sie nicht verstehen konnte. Die Gesellschaft dankte Kylar?
»Wir können das Rad nur bis zum Morgengrauen anhalten, Kagé. Es tut mir leid.«
Aber Kylar hörte ihn kaum. Er nahm seine blutigen, verkrampften Hände von den messerscharfen Griffen und ließ den Gürtel und die Knöchelriemen sein Gewicht tragen. Der Kopf sank ihm auf die Brust.
»Kylar?«, fragte Vi. Sie waren in einem kleinen Raum mit zwei Betten, einer Waschschüssel und einer kleinen Truhe am Fuß eines jeden Bettes. Auf einem Bett schlief eine schmale Gestalt, und Vi stützte sich in dem anderen auf eine Hand. Sie sah schlimmer aus, als Kylar sie je gesehen hatte. Ihre Augen waren rot und geschwollen, ihr Gesicht fleckig, und ihre Nase lief. In den Händen hielt sie
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