Jenseits des Bösen
Sternen hingen, und seine körperliche Zerbrechlichkeit war vergessen. Es war allzu schnell und beinahe brutal vorbei, als Fletcher die Hände vom Gesicht seines Sohnes nahm. Grillo sah zu Hotchkiss. Seinem
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Gesichtsausdruck nach zu urteilen, hatte er auch das kurze Hochgefühl erlebt. Tränen standen ihm in den Augen.
»Was wird passieren?« sagte Grillo, der wieder zu Tesla sah.
»Fletcher geht fort.«
»Warum? Wohin?«
»Nirgends und überall«, sagte Tesla.
»Woher weißt du das?«
» Weil ich es ihr gesagt habe«, lautete Fletchers Antwort.
»Die Essenz muß bewahrt werden.«
Er sah Grillo an, und der leise Hauch eines Lächelns huschte über sein Gesicht.
»Nehmen Sie meinen Sohn mit, meine Herren«, sagte er.
»Halten Sie ihn aus der Schußlinie.«
»Was?«
»Geh einfach, Grillo«, sagte Tesla. »Was von nun an
geschieht, geschieht genau so, wie er es will.«
Sie nahmen Howie wie geheißen durchs Fenster mit hinaus.
Hotchkiss ging voraus und nahm den Körper des Jungen in Empfang, der so schlaff wie der eines frisch Verstorbenen war.
Als Grillo die Last des Jungen weitergab, hörte er Tesla hinter sich sprechen.
Sie sagte nur: »Der Jaff!«
Der andere Entkommene, Fletchers Feind, stand an der
Grenze des Parkplatzes. Die Menge, die inzwischen fünf- bis sechsmal so groß wie am Anfang war, hatte sich geteilt, ohne allzu nachdrücklich dazu aufgefordert worden zu sein, so daß ein Gang zwischen den beiden Gegnern entstanden war. Der Jaff war nicht allein gekommen. Hinter ihm standen zwei makellose kalifornische Schönheiten, die Grillo nicht kannte.
Hotchkiss schon.
»Jo-Beth und Tommy-Ray«, sagte er.
Als er einen Namen hörte - oder beide -, hob Howie den Kopf.
»Wo?« fragte er, sah sie aber, bevor Zeit für eine Antwort 336
war. »Laßt mich los«, sagte er und bemühte sich, Hotchkiss wegzustoßen. »Sie bringen sie um, wenn wir sie nicht
aufhalten. Begreift ihr denn nicht, sie bringen sie um.«
»Es steht mehr als Ihre Freundin auf dem Spiel«, sagte Tesla, und Grillo fragte sich wieder, wie sie soviel in so kurzer Zeit erfahren hatte. Ihr Informant, Fletcher, trat nun aus dem Supermarkt heraus, ging an ihnen allen vorbei - Tesla, Grillo, Howie und Hotchkiss - und stellte sich ans andere Ende der Gasse in der Menge, dem Jaff gegenüber.
Der Jaff ergriff als erster das Wort.
» Was soll das alles?« wollte er wissen. »Deine Maßnahmen haben die halbe Stadt geweckt.«
»Die Hälfte, die du nicht vergiftet hast«, erwiderte Fletcher.
»Rede dich nicht selbst ins Grab. Fleh ein wenig. Sag mir, daß du mir deine Eier gibst, wenn ich dich leben lasse.«
»Hat mir nie viel bedeutet.«
»Deine Eier?«
»Das Leben.«
»Du hattest Ambitionen«, sagte der Jaff und ging ganz langsam auf Fletcher zu. »Leugne es nicht.«
»Andere als du.«
»Stimmt. Meine hatten Größe.«
»Du darfst die ›Kunst‹ nicht bekommen.«
Der Jaff hob die Hand und rieb Daumen und Zeigefinger aneinander, als wollte er Geld zählen.
»Zu spät. Ich spüre sie bereits in den Fingern«, sagte er.
»Nun gut«, antwortete Fletcher. »Wenn du willst, daß ich flehe, dann flehe ich. Die Essenz muß erhalten bleiben. Ich flehe dich an, die Finger davon zu lassen.«
»Du verstehst nicht, was?« sagte der Jaff. Er war ein paar Meter von Fletcher entfernt stehengeblieben. Jetzt folgte der Junge und zerrte seine Schwester mit.
»Mein Fleisch und Blut«, sagte der Jaff und deutete auf seine Kinder, »wird alles für mich tun. Ist es nicht so, Tommy-Ray?«
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Der Junge grinste.
»Alles.«
Tesla hatte so sehr auf den Wortwechsel zwischen den
beiden Männern geachtet, daß sie gar nicht bemerkt hatte, wie sich Howie von Hotchkiss davonschlich, bis er ihr zuflüsterte:
»Pistole.«
Sie hatte die Waffe mit aus dem Supermarkt gebracht. Sie drückte sie widerstrebend in Howies verletzte Hand.
»Er wird sie umbringen«, murmelte Howie.
»Es ist seine Tochter«, flüsterte Tesla als Antwort.
»Glauben Sie, das interessiert ihn?«
Als sie sich abwandte, sah sie ein, daß der Junge recht hatte.
Welche Veränderungen Fletchers Große Arbeit - Nuncio hatte er sie genannt - in dem Jaff bewirkt hatte, sie hatten den Mann eindeutig in den Wahnsinn getrieben. Sie hatte zwar nur kurz Zeit gehabt, die Visionen aufzunehmen, die Fletcher mit ihr geteilt hatte, und sie begriff den komplexen Charakter der
›Kunst‹, der Essenz, des Kosm und Metakosm nicht einmal ansatzweise; aber ihr war klar: In den Händen
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