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Jenseits des Bösen

Jenseits des Bösen

Titel: Jenseits des Bösen Kostenlos Bücher Online Lesen
Autoren: Clive Barker
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Zweifel. Eine Botschaft des Chaos breitete sich von der Berührung des Jaff ausgehend in seinem Körper aus.
    Er konnte nur durch den Tod davor gerettet werden.
    Sie hatte keine Streichhölzer, aber sie hatte die Pistole von Hotchkiss. Sie riß sie ihm ohne ein Wort zu sagen aus der Hand. Ihre Bewegung erweckte die Aufmerksamkeit des Jaff, und sie sah ihm einen beängstigenden Moment direkt in die wahnsinnigen Augen - sah seinen Phantomkopf um sie herum anschwellen; einen anderen Jaff, der sich hinter dem ersten versteckte.
    Dann richtete sie die Pistole auf den Boden hinter Fletcher und feuerte. Aber es schlug kein Funke, wie sie gehofft hatte.
    Sie zielte noch einmal und verdrängte jeden Gedanken aus dem Kopf, außer dem nach einer Zündung. Sie hatte schon Feuer gelegt. Auf dem Papier, um die Aufmerksamkeit zu erregen.
    Jetzt in Wirklichkeit.
    Sie atmete langsam durch den Mund aus, wie sie es immer machte, wenn sie morgens an der Schreibmaschine Platz nahm, und drückte ab.
    Es schien, als würde sie das Feuer auflodern sehen, bevor es tatsächlich entfacht wurde. Wie ein greller Sturm; der Funke war der Blitz, der ihm vorausging. Die Luft um Fletcher herum wurde gelb. Dann ging sie in Flammen auf.
    Die Hitze war plötzlich und intensiv. Sie ließ die Pistole fallen und lief zu einer Stelle, wo sie besser beobachten konnte, wie es weiterging. Fletcher sah sie aus der sengenden Feuersbrunst heraus an, und sein Gesichtsausdruck zeigte eine Gelöstheit, die sie als Erinnerung daran, wie wenig sie das Wirken der Welt begriff, durch die Abenteuer tragen sollte, die die Zukunft für sie bereit hatte. Daß es einem Mann gefallen konnte zu verbrennen; daß er davon profitieren, im Feuer zur Reife kommen konnte, das war eine Lektion, die ihr keine 341
    Schullehrerin auch nur annähernd hatte vermitteln können.
    Aber da war die Tatsache, die durch ihre eigene Hand wahr geworden war.
    Jenseits des Feuers sah sie den Jaff mit einem Achselzucken des Lächerlichmachens zurücktreten. Das Feuer hatte seine Finger erfaßt, wo sie Fletcher berührt hatten. Er blies sie aus wie fünf Kerzen. Hinter ihm zogen sich Howie und Tommy-Ray aus der Hitze zurück; sie hatten ihren Haß verschoben.
    Doch dem allem schenkte sie ihre Aufmerksamkeit nur einen Herzschlag lang, dann wandte sie sich wieder dem Schauspiel des brennenden Fletcher zu. Selbst in diesem kurzen Zeitraum hatte sich sein Zustand verändert. Das Feuer, das wie eine Säule um ihn herum tobte, verzehrte ihn nicht, sondern verwandelte ihn, und bei dem Vorgang wurden Blitze strahlender Materie davongeschleudert.
    Die Reaktion des Jaff auf diese Lichter - er wich vor ihnen zurück wie der Teufel vor Weihwasser - lieferte ihr einen Hinweis auf ihre Natur. Sie waren für Fletcher, was die Perlen, die die Streichhölzer fortgerissen hatten, für den Jaff waren; eine essentielle Energie, die freigesetzt wurde. Der Jaff haßte sie. Ihre Helligkeit machte das Gesicht hinter seinem Gesicht deutlich. Dieser Anblick, und der von Fletchers wundersamer Verwandlung, zogen sie näher an das Feuer, als sicher war. Sie konnte riechen, wie ihr Haar versengt wurde. Aber sie war so fasziniert, daß sie nicht zurückwich. Immerhin war dies ihr Tun. Sie war die Schöpferin. Wie der erste Affe, der eine Flamme gehütet und so den Stamm verwandelt hatte.
    Das, wurde ihr klar, war Fletchers Hoffnung: die Verwandlung des Stamms. Dies war nicht nur ein Schauspiel. Die brennenden Splitter, die von Fletchers Körper ausgingen, trugen die Absichten ihres Erzeugers in sich. Sie schossen wie leuchtende Sporen aus der Säule heraus, die auf der Suche nach
    fruchtbarem Boden waren. Dieser Boden waren die Bewohner des Grove, und die Glühwürmchen fanden sie wartend. Ihr kam 342
    nur wundersam vor, daß keiner davonzulaufen versuchte.
    Vielleicht hatten die vorhergehenden Gewalttaten die Feigen vertrieben. Der Rest war ein Spielball für die Magie; einige lösten sich sogar aus der Masse und gingen den Lichtern entgegen wie Kommunionsschüler zum Altargeländer. Als erste kamen Kinder, die nach den Splittern griffen und so vorführten, daß sie harmlos waren. Das Licht schlug gegen ihre ausgestreckten Hände oder die dargebotenen Gesichter, und das Feuer spiegelte sich kurz in ihren Augen. Die Eltern dieser Abenteuerlustigen wurden als nächste berührt. Ein paar, die getroffen worden waren, riefen ihren Partner zu: »Schon gut.
    Es tut nicht weh. Es ist nur... Licht!«
    Aber Tesla wußte, daß es mehr war.

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