Jenseits des Bösen
eingeschlagenen Fenster genagelt worden. Bis zum Mittag waren frische Fenster bestellt. Um zwei Uhr waren sie eingesetzt. Seit der Zeit des Bundes der Jungfrauen war der Grove nicht mehr so einhellig darauf aus gewesen, das Gleichgewicht wiederzuerlangen; und auch nicht so
heuchlerisch. Denn hinter verschlossenen Türen, in Bädern und Schlafzimmern und Wohnzimmern, bot sich eine ganz andere Geschichte. Hier verschwand das Lächeln, und der zielstrebige Gang wich nervösem Auf-und-ab-Schreiten und Weinen und dem Schlucken von Pillen, die mit der Leidenschaft von Goldgräbern gesucht wurden. Hier gestanden sich die Leute selbst ein - aber nicht einmal ihren Lebensgefährten oder ihren Hunden -, daß heute etwas schief war, das nie wieder gerade werden würde. Hier versuchten sich die Menschen an Geschichten zu erinnern, die ihnen als Kinder erzählt worden waren - die alten, versponnenen Geschichten, welche sie als Erwachsene so gut wie aus ihrem Gedächtnis verdrängt hatten -, weil sie hofften, damit ihren derzeitigen Ängsten entgegenzu-wirken. Manche versuchten, ihre Ängste wegzutrinken.
Manche aßen. Manche überlegten, ob sie Priester werden sollten. Es war alles in allem ein verdammt seltsamer Tag.
Nicht ganz so seltsam vielleicht für jene, die mit harten Tatsachen jonglieren konnten, wie sehr diese Tatsachen auch allem zuwiderliefen, was gestern noch als Realität gegolten hatte. Für diese wenigen, die jetzt mit dem sicheren Wissen gesegnet waren, daß Ungeheuer und Gottheiten im Grove wandelten, lautete die Frage nicht: Ist es wahr? Sondern: Was bedeutet es?
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Für William Witt war die Antwort darauf ein resignierendes Schulterzucken. Er konnte die Schrecken, mit denen er in dem Haus am Wild Cherry Glade terrorisiert worden war, nicht begreifen. Seine anschließende Unterhaltung mit Spilmont, der seinen Bericht als Erfindung verleumdet hatte, hatte ihn paranoid gemacht. Entweder existierte eine Verschwörung mit dem Ziel, die Machenschaften des Jaff geheimzuhalten, oder aber er, William Witt, verlor den Verstand. Aber die
Erinnerungen schlossen einander auch nicht gegenseitig aus, und das war doppelt beängstigend. Angesichts solch bitterer Schicksalsschläge hatte er sich daheim eingeschlossen, abgesehen von seinem kurzen Ausflug ins Einkaufszentrum gestern nacht. Er war spät dort eingetroffen und erinnerte sich heute kaum mehr an etwas, aber er erinnerte sich daran, daß er nach Hause gekommen war - und an die anschließende Nacht im Video-Babylon. Normalerweise geizte er mit seinen Porno-Vorführungen und beschloß, einen oder zwei Filme anzusehen, anstatt schweinisch in einem ganzen Dutzend zu schwelgen.
Aber gestern nacht war das Fernsehen zum Marathon
geworden. Als die Robinsons nebenan am folgenden Morgen ihre Kinder zum Spielplatz brachten, saß er immer noch vor dem Fernseher, die Rollos heruntergezogen; die Bierdosen waren eine Miniaturstadt zu seinen Füßen, und sah und sah. Er hatte seine Sammlung mit der Präzision eines
Chefbibliothekars archiviert, hatte Verweise und Querverweise angelegt. Er kannte die Stars dieser verschwitzten Epen mit sämtlichen Pseudonymen; er wußte Brustumfang und
Schwanzlänge; er kannte die Vorgeschichten und ihre
Spezialitäten. Er kannte die Handlungen der Filme auswendig, wie rudimentär sie auch sein mochten; seine Lieblingsszenen hatte er sich bis zu jedem Grunzen und jedem Abspritzen eingeprägt.
Aber heute erregte ihn die Vorführung nicht. Er ging von einem Film zum nächsten über wie ein Süchtiger zwischen 347
Stapeln Stoff, auf der Suche nach einem Schuß, den ihm niemand geben konnte, bis sich die Videos hoch neben dem Fernseher stapelten. Zweier, Dreier, oral, anal, Natursekt, Fesseln, Erziehung, lesbische Szenen, Dildoszenen,
Vergewaltigungen und romantische Szenen - er sah sich alles an, aber nichts gab ihm die Befriedigung, die er suchte. Seine Suche wurde zu einer Art Verfolgung seiner selbst. Was mich erregt, das bin ich, war sein halb ausgegorener Gedanke.
Es war eine verzweifelte Situation. Zum ersten Mal in seinem Leben - ausgenommen die Ereignisse mit dem Bund -
erregte ihn sein Voyeurismus nicht. Zum ersten Mal wollte er, daß die Darsteller an seiner Wirklichkeit teilnahmen, wie er an ihrer. Er war immer froh gewesen, daß er sie abschalten konnte, wenn er seine Ladung abgeschossen hatte; er hatte sogar etwas verächtlich auf ihre Vorstellungen reagiert, wenn er die Spuren der Faszination, die sie auf ihn ausübten,
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