Jenseits des Bösen
es ist merkwürdig. Es ist weg. Fast so, als hätte die Begegnung mit Fletcher es von mir genommen. Sagen Sie, wohnt Ralph noch im Grove?«
»Nein. Er ist noch vor deiner Geburt weggegangen. Wahrscheinlich dachte er, daß sie ihn lynchen würden. Deine Mutter war ein weißes Mädchen der Mittelschicht, und er...«
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Sie verstummte, als sie Howies Gesichtsausdruck sah.
»Er?«
»... war Spanier.«
Howie nickte. »Man lernt jeden Tag etwas Neues, richtig?«
sagte er und überspielte anmutig etwas, das ihn tief berührte.
»Wie dem auch sei, er ist wohl deshalb weggegangen«, fuhr Joyce fort. »Wenn deine Mutter je seinen Namen genannt hätte, wäre er sicher wegen Vergewaltigung angeklagt worden.
Aber das war es nicht. Wir wurden dazu getrieben, alle vier, von dem, was der Teufel in uns gepflanzt hatte.«
»Es war nicht der Teufel, Mama«, sagte Jo-Beth.
»Das sagtest du bereits«, antwortete sie seufzend. Die Energie schien plötzlich aus ihr zu weichen, als forderte das alte Vokabular seinen Tribut. »Vielleicht hast du recht. Aber ich bin zu alt, meine Ansichten noch zu ändern.«
»Zu alt?« sagte Howie. »Wovon sprechen Sie? Sie haben gestern nacht etwas Außergewöhnliches vollbracht.«
Joyce strich Howie über die Wange. »Du mußt mich glauben lassen, was ich glaube. Es sind doch nur Worte, Howard. Für dich der Jaff. Für mich der Teufel.«
»Und was sind dann Tommy-Ray und ich, Mama?« sagte Jo-Beth. »Der Jaff hat uns gemacht.«
»Das habe ich mich oft gefragt«, sagte Joyce. »Als ihr noch klein wart, habe ich euch ständig beobachtet und darauf gewartet, daß das Böse zum Vorschein kommen würde. Bei Tommy-Ray ist das geschehen. Sein Schöpfer hat ihn mitgenommen.
Vielleicht haben meine Gebete dich gerettet, Jo-Beth. Du bist mit mir zur Kirche gegangen. Du hast gelernt. Du hast auf den Herrn vertraut.«
»Also glaubst du, daß Tommy-Ray verloren ist?« fragte Jo-Beth.
Mama antwortete einen Augenblick nicht, aber nicht, wie aus ihrer Antwort ersichtlich wurde, weil sie diesbezüglich Zweifel hatte.
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»Ja«, sagte sie schließlich. »Er ist verloren.«
»Das glaube ich nicht«, sagte Jo-Beth.
»Nach allem, was er gestern nacht getan hat?« warf Howie ein.
»Er weiß nicht, was er macht. Der Jaff beherrscht ihn, Howie. Ich kenne ihn besser als einen Bruder...«
»Und das bedeutet?«
»Er ist mein Zwillingsbruder. Ich fühle, was er fühlt.«
»Das Böse ist in ihm«, sagte Mama.
»In mir ist das Böse auch«, antwortete Jo-Beth. »Vor drei Tagen hast du ihn noch geliebt. Jetzt sagst du, er ist verloren.
Du überläßt ihn dem Jaff. Ich werde ihn nicht so einfach aufgeben.« Sie verließ das Zimmer.
»Vielleicht hat sie recht«, sagte Joyce leise.
»Daß Tommy-Ray gerettet werden kann?« sagte Howie.
»Nein. Vielleicht ist der Teufel auch in ihr.«
Howie fand Jo-Beth im Garten, wo sie das Gesicht mit
geschlossenen Augen zum Himmel erhoben hatte. Sie drehte sich zu ihm um.
»Du glaubst, daß Mama recht hat«, sagte sie. »Daß Tommy-Ray nicht mehr zu helfen ist.«
»Nein. Wenn du glaubst, daß wir ihn retten können, dann nicht. Bring ihn zurück.«
»Sag das nicht nur, um mir eine Freude zu machen, Howie.
Wenn du hier nicht auf meiner Seite stehst, dann mußt du es mir sagen.«
Er legte ihr die Hand auf die Schulter. »Hör zu«, sagte er,
»wenn ich glauben würde, was deine Mutter sagt, wäre ich nicht zurückgekommen, oder? Ich bin es, vergiß das nicht.
Mister Beharrlichkeit. Wenn du meinst, daß wir den Einfluß, den der Jaff auf Tommy-Ray hat, unterbinden können, dann sollten wir es verdammt noch mal auch versuchen. Du solltest nur nicht von mir verlangen, daß ich ihn mag.«
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Sie drehte sich ganz um und strich sich das Haar, das der Wind zerzaust hatte, aus dem Gesicht.
»Ich hätte mir nie träumen lassen, daß ich einmal im Garten deiner Mutter stehen und dich umarmen würde«, sagte Howie.
»Es geschehen eben noch Zeichen und Wunder.«
»Nein, sie geschehen nicht. Sie werden gemacht. Du bist eines, und ich bin eines, und die Sonne ist eines, und daß wir drei hier zusammen sind, ist das größte von allen.«
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III
Nach Teslas Abreise galt Grillos erster Anruf Abernethy. Ob er ihm alles erzählen sollte oder nicht, war nur ein Dilemma von vielen, in denen er sich befand. Das wahre Problem war jetzt mehr denn je, wie er es erzählen sollte. Er hatte nie die Instinkte eines Romanciers gehabt. Er bemühte sich beim Schreiben um einen Stil, der
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