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Jenseits des Bösen

Jenseits des Bösen

Titel: Jenseits des Bösen Kostenlos Bücher Online Lesen
Autoren: Clive Barker
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läßt.«
    »Sie gehört dir. Und als Gegenleistung...«
    »Was?«
    »Sei wieder mein Freund.«
    »Buddy. Du hast mir gefehlt.«
    »Du hast mir gefehlt, Jimmy.«

    »Du hattest recht«, sagte er, als er wieder unten war. »Buddy ist hier.«
    »Du hast ihn gesehen.«
    »Nein, aber er hat mit mir gesprochen. Er möchte, daß wir Freunde sind. Er und ich. Und Sie und ich. Enge Freunde.«
    »Dann werden wir es sein.«
    »Für Buddy.«
    »Für Buddy.«

    Oben dachte der Jaff über dieses neue und unerwartete Element des Spiels nach und hieß es gut. Er hatte vorgehabt, sich als Buddy auszugeben - ein einfacher Trick, wenn man bedachte, daß er sich die Gedanken des Mannes einverleibt hatte -, allerdings nur bei Rochelle. In dieser Gestalt war er vor zwei Nächten zu Besuch gekommen und hatte sie betrunken im Bett vorgefunden. Es war leicht gewesen, sie zu überzeugen, daß er der Geist ihres verstorbenen Mannes war; schwer war nur gewesen, sich zurückzuhalten und nicht das eheliche Recht zu verlangen. Jetzt unterlag der Partner derselben Täuschung, und somit hatte er zwei Agenten im Haus, die ihm helfen konnten, wenn die Gäste kamen.
    376
    Nach den Ereignissen der vergangenen Nacht war er froh, daß er die Einsicht besessen hatte, die Party zu organisieren.
    Fletchers Machenschaften hatten ihn überrascht. Durch seine Selbstzerstörung war es dem Gegner gelungen, ein Quentchen seiner Halluzigenien erzeugenden Seele in hundert, vielleicht zweihundert Personen einzupflanzen. In diesem Augenblick erträumten diese Leute ihre persönlichen Gottheiten und verliehen ihnen Gestalt. Aus früheren Erfahrungen wußte er, daß sie nicht besonders barbarisch sein würden, sicher seinen Terata nicht ebenbürtig. Und da ihr Erzeuger nicht mehr da war, ihnen Nahrung zu geben, würden sie auch nicht besonders lange auf dieser Existenzebene verweilen. Dennoch konnten sie seinen sorgfältig ausgeklügelten Plänen schaden. Es konnte sein, daß er die Geschöpfe, die er aus den Herzen Hollywoods preßte, brauchen würde, um sich gegen Fletchers Vermächtnis zu wehren.
    Bald würde seine Reise, die angefangen hatte, als er das erste Mal von der Kunst hörte - was so lange her war, daß er sich nicht einmal mehr erinnern konnte, von wem -, damit zu Ende gehen, daß er die Essenz betrat. Nach den vielen Jahren der Vorbereitung würde es sein wie eine Heimkehr. Er würde ein Dieb im Himmel sein, und daher König des Himmels, da er der einzige dort sein würde, der den Thron stehlen konnte. Das Traumleben der Welt würde ihm gehören; er konnte allen Menschen alles antun und würde doch nie dafür bestraft werden.
    Aber es verblieben noch zwei Tage. Den ersten - alle
    vierundzwanzig Stunden - würde er brauchen, um seine
    Ambitionen in die Tat umzusetzen.
    Der zweite war der Tag der ›Kunst‹, wenn er den Ort erreichte, wo Morgen- und Abenddämmerung, Mittag und
    Mitternacht im selben ewigen Augenblick stattfanden.
    Und demzufolge gab es nur noch die Ewigkeit für ihn.
    377
    V

    1

    Als Tesla Palomo Grove verließ, war ihr, als wäre sie gerade aus einem Schlaf erwacht, in dem ein Traumlehrer ihr
    beigebracht hatte, daß das ganze Leben ein Traum war. Von nun an gab es keine einfache Unterscheidung mehr zwischen Sinn und Unsinn; keine arrogante Annahme mehr, daß dieses Erlebnis real und jenes nicht war. Vielleicht lebte sie in einem Film, dachte sie beim Fahren. Das war eigentlich gar kein schlechter Einfall für ein Drehbuch: die Geschichte einer Frau, die herausfand, daß die menschliche Geschichte im Grunde genommen nur eine gigantische Familiensaga war, die das unterschätzte Team Gen und Zufall verfaßt hatte und die Engel, Außerirdische wie Leute aus Pittsburgh ansahen, die
    versehentlich eingeschaltet hatten und süchtig geworden waren. Vielleicht würde sie diese Geschichte schreiben, wenn das derzeitige Abenteuer überstanden war.
    Aber es würde nicht aufhören; jetzt nicht mehr. Das war eine der Folgen, daß sie die Welt nun so sah. Ob gut oder schlecht, sie würde den Rest ihres Lebens damit verbringen, auf das nächste Wunder zu warten; und während sie darauf wartete, würde sie es mit Hilfe des Schreibens erfinden, damit sie selbst und ihr Publikum wachsam blieben.

    Die Fahrt war einfach, jedenfalls bis Tijuana, daher hatte sie viel Zeit zum Nachdenken. Aber als sie die Grenze überquert hatte, mußte sie die Karte, die sie gekauft hatte, zu Rate ziehen und weiteres Nachdenken oder Prophezeien verschieben. Sie hatte sich

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