Jordan, Penny
war ihr wichtig. Nie hatte sie den Hohn und den Spott vergessen, den sie als Kind ertragen musste.
Am nächsten Morgen machte sie sich noch immer Sorgen. Um elf schickte die Hausdame sie zum Aufräumen in Zimmer 112. Rachel klopfte kurz und öffnete mit dem Generalschlüssel in der Annahme, dass das Zimmer leer wäre. Ein Mädchen in ihrem Alter und mit ihrer Figur stand in der Mitte des Raumes und blickte auf einen Berg von Kleidern und Tragehüllen, die auf dem Bett lagen und aus einem geöffneten Koffer hingen.
„Hallo“, begrüßte sie Rachel. „Können Sie mir bitte helfen? Ich will mit ein paar Freunden nach Indien fahren. Genauer gesagt, ausrücken!“ Sie machte ein drolliges Gesicht und lachte. Sie sprach wie Tim. Ihr blondes Haar war apart gesträhnt, und sie besaß lange, schön manikürte Fingernägel. „Wir fahren heute Nachmittag los – zu fünft in einem alten Bus. Das wird bestimmt ein toller Spaß. Aber Gil sagt, ich darf nur einen Koffer mitnehmen …“
Rachel legte die Kleidung schon automatisch zu sauberen Stapeln zusammen.
„Nein, das Zeug nicht“, erklärte das blonde Mädchen. „Das lasse ich alles hier. Ich will ein neues Leben beginnen.“ Mit den Armen machte sie eine ausladende Bewegung. „Meine Eltern werden bestimmt wahnsinnig, wenn sie es herausbekommen. Sie haben mich nach Oxford geschickt, damit ich einen passenden Ehemann finde.“ Erneut verzog sie das Gesicht. „Sobald ich außer Landes bin, werde ich ihnen einen Brief schreiben. Gil und ich werden wahrscheinlich in Neu Delhi heiraten.“
Sie redete unablässig weiter, während Rachel die Sachen packte, und unterbrach ihre Erzählungen gelegentlich mit einem Hinweis wie: „Nein, dies nicht …“ Oder: „Ja, das nehme ich mit.“
Als der Koffer voll war, lag immer noch ein großer Stapel Kleider auf dem Bett. Rachel sah das Mädchen an.
„Geht nichts mehr hinein? Nun, dann muss ich eben damit auskommen. Helfen Sie mir bitte, den Koffer zu schließen.“
Sie nahm den Koffer und die Handtasche und lief zur Tür „Und was soll ich mit den anderen Sachen tun?“, fragte Rachel.
Das Mädchen drehte den Kopf, betrachtete die zusammengelegten Kleider auf dem Bett und zuckte die Schultern.
„Oh, werfen Sie sie bitte für mich fort. Ich habe mich sowieso schon verspätet, und Gil hat gesagt, er werde nicht warten.“ Schon war sie aus dem Zimmer, und Rachel starrte auf die geschlossene Tür.
Wohl fünf Minuten wartete sie, aber das Mädchen kam nicht zurück. Dann blickte sie auf die Sachen auf dem Bett, strich mit der Zunge über ihre Lippen, nahm jedes Teil vorsichtig auseinander und hielt es in die Höhe. Da waren die feinsten Wollpullover mit rundem Ausschnitt und langen Ärmeln, die sie je gesehen hatte, und Blusen aus reiner Baumwolle und schimmernder Seide. Es sollte noch Jahre dauern, bis sie den wahren Wert der Kaschmirsachen ermessen konnte. Außerdem hatte das Mädchen einen Faltenrock zurückgelassen, der wie der typische schottische Kilt geschnitten war, sowie zwei Kleider aus feinem Wollstoff mit kleinem Spitzenkragen und schmaler Taille.
Es waren keine besonders modischen Dinge. Bernadette und die anderen Zimmermädchen hätten vermutlich die Nase gerümpft. Die Kleidung war von einer dezenten Eleganz, die Rachel instinktiv erkannte. Rasch zog sie ihre Dienstkleidung aus und probierte alles an.
Sie war etwas größer und etwas schlanker als das Mädchen, dem die Kleider ursprünglich gehört hatten, aber die Sachen passten ihr trotzdem. Rachel betrachtete sich im Spiegel, und ihr Herz tat vor Freude und Erleichterung einen Sprung. Solche Kleider möchte ich für den Rest meines Lebens tragen, dachte sie und berührte den weichen Wollstoff des Rocks. Darin würde sie niemand verhöhnen. So etwas würde das Mädchen tragen, das Tim später als Ehefrau wählte.
Jemanden wie sie würde Tim niemals heiraten, das wusste Rachel genau. Obwohl er immer höflich zu ihr war, spürte sie seine Verachtung für alle, die gesellschaftlich unter ihm standen. Sich selbst durfte sie keinesfalls ausnehmen. Sie hatte nur zufällig sein Interesse erregt und glich einem neuen Spielzeug, dessen er irgendwann überdrüssig werden würde.
Rachel zog die Sachen wieder aus. Was nützte es, wenn sie zu Tims Eltern fuhr? Ihre Beziehung konnte zu nichts führen. Erneut blickte sie auf die Kleidungsstücke und erinnerte sich, wie gut sie darin ausgesehen hatte. Entschlossen schob sie ihr Kinn vor, und ihre Augen blitzten.
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