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Joseph und seine Brüder: Vier Romane in einem Band (Fischer Klassik Plus) (German Edition)

Joseph und seine Brüder: Vier Romane in einem Band (Fischer Klassik Plus) (German Edition)

Titel: Joseph und seine Brüder: Vier Romane in einem Band (Fischer Klassik Plus) (German Edition) Kostenlos Bücher Online Lesen
Autoren: Thomas Mann
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andere. Er verbot seinen Sinnen, mehr von dem Mädchen dabei zu spüren, als allenfalls ihrer Wangen Zartheit; er küßte sie fromm und festlich. Aber wie gut war er doch daran, sie gleich küssen zu dürfen, da die freundliche Nacht ihrer Augen es ihm schon angetan! Da muß manch einer lange schauen, wünschen und dienen, bis sich kaum faßlicherweise ermöglicht und ihm gewährt wird, was dem Jaakob nur so in den Schoß fiel, weil er der Vetter war aus der Ferne.
    Da er von ihr ließ, rieb sie sich lachend mit den Handflächen dort, wo sein Reisebart sie gekitzelt, und rief:
    »Geschwind also, Jerubbaal! Schamasch! Bullutu! Wälzt gleich den Stein von dem Loch, daß die Schafe trinken, und seht zu, daß sie trinken, eure und meine, und tränkt meines Vetters Jaakob Kamel und seid geschickt und gescheit, ihr Männer, indes ich laufen will ohne Verzug zu Laban, meinem Vater, und ihm ansagen, daß Jaakob gekommen ist, sein Schwestersohn. Er ist nicht weit von hier auf dem Felde und wird gelaufen kommen in Eile und Freude, ihn zu umarmen. Macht schnell und zieht nach, ich laufe spornstreichs –«
    Das verstand Jaakob alles dem Sinne nach, aus Gebärde und Tonfall, und manches auch wörtlich. Bereits fing er an, die Sprache des Landes zu lernen um ihrer Augen willen. Und während sie schon lief, wehrte er den Hirten laut, damit sie es noch höre und sprach:
    »Halt, Brüder, fort vom Stein, das ist Jaakobs Sache! Ihr habt ihn bewacht als gute Wächter, aber ich will ihn fortwälzen von der Grube für Rahel, meine Base, ich allein! Denn noch hat die Reise mir nicht alle Kraft gezehrt aus den Mannesarmen, und es ist recht, daß ich ihre Kraft leihe der Tochter Labans und wälze den Stein, auf daß die Schwärze genommen werde vom Mond und das Rund des Wassers und schön werde.«
    So ließen sie ihn, und er wälzte aus Leibeskräften den Deckel, obgleich es nicht eines Mannes Arbeit war, und brachte allein den gewichtigen Stein beiseite, da doch seine Arme nicht die kräftigsten waren. Da gab es ein Gedränge des Viehs und ein vielstimmig abgetöntes Geblök der Böcke, Schafe und Lämmer, und auch Jaakobs Reittier kam grunzend auf die Beine. Die Männer schöpften und gossen in die Rinnen das lebendige Wasser. Sie überwachten mit Jaakobs Beistand die Tränkung, vertrieben die Satten und ließen herzu die Durstigen, und als alles gesoffen hatte, taten sie den Stein wieder hin auf das Schöpfloch, deckten ihn zu mit Erde und Gras, daß man die Stelle nicht kenne und kein Unberufener sich des Brunnens bediene, und trieben heim alle Schafe zusammen, so Labans wie die ihrer Herrschaft, und Jaakob auf hohem Tier ragte mitten im Gewimmel.
    Der Erdenkloß
    Nicht lange, so kam ein Mann in einer Mütze mit Nackenschutz gelaufen und blieb dann stehen. Das war Laban, Bethuels Sohn. Er kam immer gelaufen bei solcher Gelegenheit, – ein paar Jahrzehnte, ein rasch vergangenes Menschenalter war es her, daß er genau so gelaufen gekommen war, damals, als er Eliezer, den Freiwerber, mit seinen zehn Tieren und Leuten am Brunnen gefunden und zu ihm gesagt hatte: »Komm herein, du Gesegneter des Herrn!« Nunmehr ein Graubart, lief er wieder, da Rahel ihm angezeigt hatte, daß Jaakob da sei von Beerscheba, – kein Knecht, sondern Abrams Enkel, sein Schwestersohn. Daß er aber stehenblieb und den Mann herankommen ließ, geschah, weil er nichts von einer goldenen Spange an Rahels Stirn hatte bemerken können, noch etwas von Armringen an ihren Händen, wie damals bei Rebekka, und weil er sah, daß der Fremdling nicht als Herr einer ausgerüsteten Karawane kam, sondern sichtbarlich ganz allein auf zerschundenem, magerem Tier. Darum wollte er sich nichts vergeben und dem angeblichen Neffen nicht zu weit entgegenkommen, war voller Mißtrauen und blieb mit verschränkten Armen stehen, sein Annahen zu erwarten.
    Jaakob verstand das wohl, beschämt und beklommen, wie er war, im schlechten Bewußtsein seiner Armut und bedürftigen Abhängigkeit. Ach, nicht als reicher Sendbote kam er, der auftreten mochte, alle mit sekelschweren Geschenken aus seinen Satteltaschen bezauberte und sich bitten ließ, doch einen Tag oder zehn zu verweilen. Ein Flüchtling und Unbehauster fand er sich ein, mit leeren Händen, zu Hause unmöglich, ein Bettler um Obdach, und hätte wohl Anlaß zu zager Demut gehabt. Doch erkannte er gleich seinen Mann, der da finster vor ihm stand, und begriff, daß es nicht weise gewesen wäre, sich allzu elend zu machen vor ihm. Darum

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