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Joseph und seine Brüder: Vier Romane in einem Band (Fischer Klassik Plus) (German Edition)

Joseph und seine Brüder: Vier Romane in einem Band (Fischer Klassik Plus) (German Edition)

Titel: Joseph und seine Brüder: Vier Romane in einem Band (Fischer Klassik Plus) (German Edition) Kostenlos Bücher Online Lesen
Autoren: Thomas Mann
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vorangelaufen wäre, und er vergoß abermals einige Tränen, während er ihm ins Leere, Trostlose jener Strecken folgte, wo das Syrische ins Naharinische übergeht, zwischen Geröll und verfluchten Felsen, durch Steinfelder, lehmige Sandgebreite, verbrannte Steppe und dürre Dickichte von Tamariskengestrüpp. Er wußte ziemlich wohl seinen Weg, den Weg, den Urvater einst in umgekehrter Richtung gezogen war, der Sohn Terachs, als er von dort, wohin Jaakob strebte, gekommen war, nach Westen gewiesen, wie nun dieser nach Osten. Der Gedanke an Abraham tröstete ihn etwas in der Einsamkeit, die übrigens da und dort die Spur menschlicher Fürsorge und der Verkehrsbetreuung trug. Es gab manchmal einen Lehmturm, den man ersteigen mochte, erstens der Umschau wegen und auch in dem Notfall, daß wildes Getier den Wanderer bedrohte. Dann und wann gab es sogar eine Zisternenanlage. Vor allem aber gab es Wegeszeichen, Pfähle und aufgerichtete Steine mit Inschriften, von denen geleitet man selbst bei Nacht zu reisen vermochte, wenn der Mond nur ein wenig schön war, und die zweifellos schon Abram gedient hatten auf seiner Fahrt. Jaakob lobte Gott für die Wohltaten der Gesittung und ließ sich leiten von Nimrods Wegesmalen gegen das Wasser Prath, nämlich gegen den Punkt, den er im Sinne hatte und der der rechte war: wo der Sehr-Breite austrat aus den Schlüften des Gebirges, durch das er von Mitternacht brach, und in der Ebene stille ward. O große Stunde, da Jaakob endlich im Schlamm und Schilfe stehend sein armes Tier hatte schlürfen lassen aus der gelben Flut! Eine Schiffsbrücke führte hinüber, und drüben lag eine Stadt; aber noch war es des Mondgottes Wohnung nicht, noch nicht die Stadt des Weges und Nachors Stadt. Die war noch fern hinter der Steppe draußen im Osten, durch die es weitergehen mußte mit Hilfe der Wegeszeichen, in den Himmelsfeuern des Ab. Siebenzehn Tage? Ach, es waren viel mehr geworden für Jaakob, infolge der Notwendigkeit, ewig sein blutiges Räubermärlein zu erzählen, – er wußte nicht, wie viele, er hatte zu zählen aufgehört, und nur so viel wußte er, daß die Erde ihm keineswegs entgegengesprungen war, sondern eher das Gegenteil getan und seiner müden Wanderschaft das Ziel nach Kräften entzogen hatte. Aber er vergaß niemals – und sprach noch auf dem Sterbebette davon –, wie dieses Ziel dann plötzlich, als er es noch ferne glaubte, in einem Augenblick gerade, als er am wenigsten gehofft hatte, es zu erreichen, unversehens erreicht oder so gut wie erreicht gewesen –, wie dieses Ziel ihm nun dennoch gleichsam entgegengekommen war nebst dem Besten und Teuersten, was es zu bieten hatte und was Jaakob dereinst, nach ungeahnt langem Aufenthalt, davon hatte mit fortführen sollen.
    Jaakob kommt zu Laban
    Eines Tages nämlich, es ging schon gegen Abend, die Sonne neigte sich hinter ihm in fahlen Dünsten, und die getürmte Schattensilhouette, die Reiter und Tier auf den Steppengrund warfen, war lang worden: an diesem Spätnachmittag also, der sich nicht verkühlen wollte, sondern unter einem ehernen Himmelsgewölbe ohne Windhauch in Hitze stand, so daß die Luft, als sei sie im Begriffe, sich zu entzünden, über dem dürren Grase flimmerte und dem Jaakob die Zunge im Schlund verschmachtete, denn er hatte seit gestern kein Wasser gehabt, – gewahrte er, zwischen zwei Hügeln stumpfen Sinnes hervorschaukelnd, welche den Durchlaß einer gestreckten Geländewelle bildeten, in der ebenen Weite fern einen belebten Punkt, den sein auch in Mattigkeit noch scharfes Auge sogleich als eine Schafherde mit Hunden und Hirten, um einen Brunnen versammelt, erkannte. Er schrak auf vor Glück und stieß einen Dankesseufzer zu Ja, dem Höchsten, empor, dachte aber nichts als »Wasser!« dabei und rief auch dies Wort aus dürrer Kehle und unter Schnalzen seinem Tiere zu, das selbst schon den Segen spürte, den Hals streckte, die Nüstern blähte und in freudigem Auftriebe seiner Kräfte den Schritt verlängerte.
    Bald war er so nahe, daß er die farbigen Eigentumsmarken auf dem Rükken der Schafe, die Gesichter der Hirten unter ihren Sonnenhauben, das Haar auf ihrer Brust und die Reifen an ihren Armen unterschied. Die Hunde knurrten und schlugen an, indem sie zugleich das Auseinandersprengen der Schafe verhinderten; aber die Männer riefen sie sorglos zur Stelle, denn den einzelnen Reiter fürchteten sie nicht und sahen wohl, daß er sie von weitem schon friedlich und höflich grüßte. Es waren ihrer

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