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Joseph und seine Brüder: Vier Romane in einem Band (Fischer Klassik Plus) (German Edition)

Joseph und seine Brüder: Vier Romane in einem Band (Fischer Klassik Plus) (German Edition)

Titel: Joseph und seine Brüder: Vier Romane in einem Band (Fischer Klassik Plus) (German Edition) Kostenlos Bücher Online Lesen
Autoren: Thomas Mann
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tut sie, weil sie allein den Deckel nicht wälzen kann, denn dazu gehören Männerarme.« Aber sie antworteten, es sei gleich, aus welchem Grunde sie warte, auf jeden Fall warte sie, und darum warteten sie auch.
    »Gut«, sagte er, »mir fällt ein, daß ihr sogar recht habt und daß es sich für euch wohl nicht anders ziemt. Es ist mir nur leid, daß mein Tier so lange dürsten muß. Wie sagtet ihr, daß die Dirne heiße? Rahel?« wiederholte er ... »Jerubbaal, sage ihnen doch, was das heißen will in unserer Sprache! Hat sie denn gar schon gelammt, das Mutterschaf, das uns warten läßt?«
    O nein, sagten sie, sie sei rein wie die Lilie auf dem Felde im Frühjahr und unberührt wie das Blatt der Gartenrose im Morgentau und habe mit Männerarmen noch nie nichts zu schaffen gehabt. Sie sei zwölf Jahre alt.
    Man merkte wohl, daß sie sie verehrten, und unwillkürlich begann auch Jaakob das zu tun. Er atmete lächelnd auf, denn sein Herz zog sich leicht zusammen in neugieriger Freude auf die Bekanntschaft mit dem Oheimskind. Er plauderte noch eine Weile durch Jerubbaals Vermittelung mit den Männern über hiesige Schafpreise und was man für fünf Minen Wolle erziele und wieviel Sila Getreide ihnen ihre Herrschaft im Monat bewillige, bis einer sagte: »Da kommt sie.« Jaakob hatte eben angesetzt, zum Zeitvertreib sein Blutmärlein von den jungen Räubern zu erzählen, unterbrach sich aber bei dieser Anzeige und wandte sich in der Richtung um, die der Arm des Hirten wies. Da sah er sie zuerst, seines Herzens Schicksal, die Braut seiner Seele, um deren Augen er dienen sollte vierzehn Jahre, des Lammes Mutterschaf.
    Rahel ging mitten in ihrer Herde, die sie dicht umdrängte, während ein Hund mit hängender Zunge am Rande der wolligen Masse strich. Sie hob ihren Krummstab, den sie in der Mitte hielt, die Hirtenwaffe, deren Krücke aus einer metallenen Sichel oder Hacke bestand, grüßend gegen die Entgegenschauenden, legte dabei den Kopf auf die Seite und lächelte, so daß Jaakob zum erstenmal und schon von weitem ihre sehr weißen, getrennt stehenden Zähne sah. Herangekommen, überholte sie die Tiere, die vor ihr trippelten, und trat unter ihnen hervor, indem sie sie mit dem Ende des Stabes auseinandertrieb. »Da bin ich«, sagte sie, und indem sie zuerst ihre Augen nach der Art Kurzsichtiger zusammenkniff, dann aber die Brauen emporzog, fügte sie erstaunt und belustigt hinzu: »Ei, siehe, ein Fremder!« Das unzugehörige Reittier und auch Jaakobs neue Figur mußten ihr längst schon aufgefallen sein, wenn ihre Kurzsichtigkeit nicht übergroß war, doch ließ sie sich’s nicht im ersten Augenblick merken.
    Die Hirten am Brunnen schwiegen und hielten sich zurück von der Begegnung der Herrenkinder. Auch Jerubbaal schien anzunehmen, daß sie schon miteinander fertig werden würden, und blickte, irgendwelche Kerne kauend, in die Luft. Unter dem Kläffen von Rahels Hund grüßte Jaakob sie mit erhobenen Händen. Sie erwiderte mit raschem Wort, und dann standen sie, im schrägen, farbigen Licht des Spättages, von Schafen umwimmelt und eingehüllt in den gutmütigen Dunst der Tiere, unter dem hohen und weiten, erblassenden Himmel mit ernstesten Gesichtern einander gegenüber.
    Labans Tocher war zierlich von Gestalt, man sah es trotz der losen Unförmigkeit ihres gelben Hemd- oder Schürzenkleides, an dem eine rote Borte, mit schwarzen Monden gezeichnet, vom Halse bis zum Saum über den kleinen bloßen Füßen lief. Ohne viel Schnitt und sogar ungegürtet fiel es in angenehmer und naiver Bequemlichkeit an ihr herab, ließ aber, den Schultern eng anliegend, deren rührende Schmalheit und Feinheit erkennen und hatte ebenfalls enge, nur bis zur Mitte der Oberarme reichende Ärmel. Das schwarze Haar des Mädchens war eher verwirrt als lockig. Sie trug es fast kurzgeschnitten, jedenfalls kürzer, als Jaakob es zu Hause bei Frauen je gesehen, und nur zwei längere Strähnen waren geschont und hingen ihr, unten geringelt, von den Ohren und zu beiden Seiten der Wangen auf die Schultern herab. Mit einer davon spielte sie, während sie stand und schaute. Was für ein liebliches Gesicht! Wer beschriebe seinen Zauber? Wer legte das Zusammenspiel süßer und glücklicher Fügungen auseinander, aus denen das Leben, da- und dorthin ins Erbe greifend und unter Zutat des Einmaligen, die Huld eines Menschenantlitzes schafft, – einen Reiz, der auf Messers Schneide schwebt, der, wie man sagen möchte, immer an einem Haare hängt, so daß,

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