Julia Extra Band 0258
schon tun? Du bist erwachsen und deine eigene Herrin. Auch wenn du dich weigerst, nach Hause zu gehen, solltest du deineFamilie nicht vernachlässigen.“
Da hat sie Recht, dachte Emilia ein wenig schuldbewusst. Sie sollte ihre Familie wirklich mehr schätzen. Es war nicht so, als wären ihr Eltern und Bruder gleichgültig – sie liebte sie von ganzem Herzen. Ihre Mutter war die sanftmütigste und toleranteste Frau auf der Welt, aber leider hatte sie ihrer Tochter diese Tugenden nicht vererbt. Emilia glich ihrem Vater und ihrem Bruder Michael: Sie war starrsinnig und sehr selbstbewusst.
Sie lächelte, als sie an Zuhause dachte. Wie sehr sie ihr alle fehlten – sogar ihr rechthaberischer Vater.
Aber ihre Familie zu lieben und in Eliason zu leben, waren zwei verschiedene Dinge. Emilia fand, dass sie den Pflichten, die ihre Herkunft mit sich brachte, einfach nicht gewachsen war.
Sie litt nicht unter Schüchternheit, doch ständig im Blickpunkt der Öffentlichkeit zu leben, ertrug sie nicht. Auf Schritt und Tritt von Reportern verfolgt zu werden, im Kreuzfeuer von Blitzlichtern zu stehen – der bloße Gedanke verursachte ihr Atembeschwerden.
Sie holte tief Luft und zwang sich, nicht mehr daran zu denken. Dieser Abschnitt ihres Lebens war vorbei. Das änderte jedoch nichts daran, dass sie ihre Eltern vermisste und sich glücklich schätzte, ihre Tochter zu sein.
Sie brauchte nur an Shey zu denken, die außer Cara und ihr niemanden hatte. Emilia wusste, wie sehr ihrer Freundin das Elternhaus fehlte und dass sie und Cara es ihr nicht ersetzen konnten. Shey sehnte sich nach einem richtigen Zuhause und hätte dafür auch alle Nachteile gern in Kauf genommen.
„Heute Abend rufe ich an“, versprach sie. „Jetzt habe ich zu tun. Ich muss an meine Karriere denken.“
„Geh und frag Mr. Traumhaft, ob ihr euch schon mal begegnet seid.“
Emilia griff nach dem Tablett. „Vielleicht“, sagte sie.
„Vielleicht …“, sagte Jace O’Donnell, „… halte ich den Mund. Aber nur, wenn ihr versprecht, mich in Zukunft in Ruhe zu lassen.“
Neffe und Nichte schwiegen und sahen ihn störrisch an. „Ihr wisst, dass eure Mutter euch Hausarrest erteilt, wenn sie erfährt, dass ihr mir ständig hinterherlauft. Sie lässt nicht mit sich spaßen.“
Insgeheim sagte er sich, dass das nicht stimmte. Seine Schwester gab sich nur den Anschein von Strenge, in Wirklichkeit konnte sie keiner Fliege etwas zu Leide tun. Deswegen war sie auch so eine großartige Frau – und gleichzeitig ihr eigener schlimmster Feind.
„Jetzt essen wir, dann geht ihr nach Hause“, fuhr er fort. „Und vielleicht – aber nur vielleicht – sage ich nichts.“
„Bitte, Onkel Jace!“ Amanda sah ihn flehend an.
Sieerinnerte ihn an ihre Mutter – die gleiche Haarfarbe, braun mit blonden Strähnen, und dieselben fragenden blauen Augen. Auch Shelly war als Kind eine Nervensäge gewesen, so wie jetzt Amanda und Bobby. Anscheinend lag es in der Familie.
Am liebsten hätte Jace seine hübsche kleine Nichte in den Arm genommen. Aber ihm war klar, dass er, wenn er jetzt nicht standhaft blieb, den Rest der Sommerferien keine Ruhe vor den Zwillingen haben würde.
„Ihr wusstet, dass es nicht richtig war. Wenn man euch gesehen hätte, wäre der Job jetzt im Eimer.“
„Uns sieht niemand“, versicherte Bobby. „Und wie sollen wir was lernen, wenn wir nicht mitkommen dürfen? In fünf Jahren sind wir mit der Schule fertig, und dann können wir für dich arbeiten.“
Jace unterdrückte einen Seufzer. Die Bewunderung der beiden für ihn und seine Tätigkeit als Privatdetektiv war natürlich schmeichelhaft, aber manchmal etwas lästig – so wie heute.
„Dieser Fall ist sehr wichtig. Ich kann es mir nicht erlauben, ihn zu vermasseln.“
„Erzähl uns mehr davon“, sagte Amanda. Ihre Augen funkelten neugierig. „Damit wir dir helfen können.“
„Kommt nicht in Frage.“
„Aber wir müssen doch lernen, Onkel Jace“, sagte Bobby.
„Fünf Jahre, das sind nur noch sechzig Monate. Wir sollten jetzt schon anfangen.“
„In fünf Jahren seid ihr mit der Schule noch längst nicht fertig.“
Bobby und Amanda machten lange Gesichter, und Jace verspürte einen kleinen Stich. Die Zwillinge hatten in letzter Zeit viel durchgemacht, und jetzt verdarb er ihnen auch noch die Ferien. Er kam sich wie ein Schuft vor.
„Außerdem müsst ihr noch studieren.“
„Das sehe ich nicht ein“, murrte Bobby. „Du kannst uns alles, was wir wissen müssen,
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