Keeva McCullen 3 - Invasion der Ghule (German Edition)
eben bei Tageslicht.
Ja, beschloss er, so würde er es machen. Wenn er jetzt hier blind im Dunkeln herumtappte, war ja doch niemandem geholfen. Womöglich fiel er so nur selbst in ein frisch ausgehobenes Grab - und damit wäre alles bloß noch schlimmer.
Erleichtert darüber, einen Grund für die Rückkehr gefunden zu haben, wollte Charlie sich gerade umdrehen, als er neben sich ein lautes Rascheln hörte.
„Snow, da bist du...“, stieß er erfreut aus – und verstummte bestürzt.
Was sich da vor ihm aus dem Dunkel des Wäldchens schälte, war ganz sicher nicht sein kleiner Vierbeiner. Das Geschöpf besaß zwar die Statur eines – sehr großen – Hundes, bewegte sich aber mit der geduckten Eleganz einer jagenden Katze. Das dunkle Fell war struppig und dreckverkrustet, aus dem stumpfen Maul ragten furchterregend lange Zähne, die Lefzen waren hochgezogen, die Augen leuchteten blutrot und wirkten erschreckend menschlich.
Fassungslos und starr vor Angst sah Charlie, dass diese scheußliche Kreatur nicht alleine war. Auf entsetzlich lautlose Weise erschienen noch weitere dieser Wesen, schlichen Stück für Stück aus dem Dunkel des Gehölzes und bauten sich vor ihm auf.
Er zählte acht, dann neun – und dann gab er es auf, drehte sich um und begann zu rennen. Auch wenn er bereits ahnte, dass es keinen Sinn hatte. Er konnte ihnen nicht entkommen.
Als er schließlich die Krallen eines dieser Ungeheuer in seinem Rücken spürte, als die Wucht des Aufpralls ihn vornüber auf den Boden stieß und das Gewicht des Monsters auf seinem Rücken ihm den Atem nahm, begann er seit vielen Jahren das erste Mal wieder zu beten.
Lieber Gott , dachte er verzweifelt. Mach, dass es schnell geht und ich nicht lange leiden muss.
Und sein Gott erhörte ihn...
*
„Das war übrigens ganz schön mutig von dir“, sagte Shane.
Keeva, die mit den Auswirkungen eines leichten Schluckaufs kämpfte, sah ihn fragend an.
„Was meinst du?“
„Na, den Aufspürtrank heute Mittag einfach so, mitten im Getümmel, zu trinken“, erklärte ihr Gegenüber.
Keeva verstand nicht, was er damit sagen wollte. Da war doch nichts dabei gewesen?
„Ach, am helllichten Tag“, erwiderte sie achselzuckend. „Und der einzige mögliche Dämon weit und breit war ein gewisser Schmuckverkäufer.“
Sie grinste breit, doch Shane blieb ernst. Langsam wurde sie neugierig.
„Spuck schon aus, worauf willst du hinaus?“
Er schien zu überlegen, wie er es ausdrücken sollte.
„Nun, versteh mich nicht falsch, aber du scheinst wie selbstverständlich davon auszugehen, dass es üblicherweise keine paranormale Wesen gibt, hier in London. Nur noch in Ausnahmefällen“, begann er zögerlich.
Keeva nickte.
„Ja, klar“, sagte sie unbekümmert. „Wo sollten die denn auch herkommen? Mein Vater hat das letzte Portal vor zehn Jahren geschlossen!“
Shane nickte ebenfalls.
„Das stimmt. Viele Dämonenarten benötigen ein Portal, um in unsere Welt zu gelangen. Da fällt mir ein: habt ihr euch diesbezüglich wegen der Sukkubus und des Höllenhundes eigentlich schon Gedanken gemacht?“
Keeva verzog das Gesicht.
„Ja“, sagte sie leise. „Mein Vater glaubt, dass es irgendwo ein neues Tor geben könnte. Allerdings ist die Sukkubus offensichtlich durch eine Beschwörung gerufen worden. Und ein Höllenhund allein macht noch keine dämonische Invasion. Hoffentlich...“, fügte sie hinzu.
Shanes Gesicht zeigte nicht einmal den Ansatz eines Lächelns, und das irritierte sie zunehmend.
„Der Höllenhund und die Sukkubus waren tatsächlich Ausnahmen, Dämonen solchen Kalibers habe auch ich in den letzten zehn Jahren nicht mehr zu Gesicht bekommen“, sprach er weiter. „Aber es gibt noch unzählige andere dieser Monster, von denen du und deine Familie nichts wissen. Oder nichts wissen wollen.“
Keeva fuhr hoch.
„Wieso sagst du das? Wieso sollte meine Familie nichts davon wissen wollen? Oder ich!“
Sie war eher verblüfft als erbost.
Shane machte eine beschwichtigende Geste.
„Ich habe das nicht böse gemeint. Aber du solltest wissen, dass du aus dem – wie soll ich es ausdrücken... gewissermaßen aus dem Adelsgeschlecht der Dämonenjäger abstammst.“
Keeva war verwirrt. Wahrscheinlich war sie einfach schon zu müde, um noch von selbst darauf zu kommen, was Shane damit meinen könnte.
„Erkläre mir das bitte“, sagte sie. „Bis vor kurzem habe ich tatsächlich noch nicht einmal gewusst, dass es überhaupt noch andere Dämonenjäger
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