Kinder Des Nebels
es wissen«, verteidigte sich Kelsier. »Ich musste zurückgehen. Was ist, wenn sich das Atium tatsächlich dort befindet?«
»Du hast gesagt, dass das nicht der Fall ist.«
»Das habe ich gesagt«, meinte Kelsier und nickte, »und dessen bin ich mir fast sicher. Aber was ist, wenn ich mich irre?«
»Das ist keine Entschuldigung«, sagte Docksohn wütend. »Nun liegt Vin im Sterben, und der Oberste Herrscher ist vor uns gewarnt. Hat es denn nicht gereicht, dass Mare bei dem Versuch gestorben ist, in diesen Raum einzudringen?«
Kelsier war so erschöpft, dass er keinen Zorn über diese Worte empfand. Er seufzte und setzte sich. »Es ist noch mehr an dieser Sache, Dox.«
Docksohn zog die Stirn kraus.
»Ich wollte vor den anderen nicht über den Obersten Herrscher reden«, erklärte Kelsier, »aber ... ich mache mir große Sorgen. Unser Plan ist gut, allerdings habe ich dieses schreckliche, hartnäckige Gefühl, dass wir keinen Erfolg haben werden, solange er lebt. Wir können ihm sein Geld und seine Armeen nehmen, wir können ihn aus der Stadt herauslocken ... aber ich befürchte, wir können ihn niemals aufhalten.«
Docksohn fragte zweifelnd: »Du meinst es also ernst mit diesem Elften Metall?«
Kelsier nickte. »Ich habe zwei Jahre nach einem Weg geforscht, ihn umzubringen. Die Menschen haben schon alles Mögliche versucht. Gewöhnliche Wunden beachtet er gar nicht, und eine versuchte Enthauptung verärgert ihn bloß. Eine Gruppe Soldaten hat während eines frühen Krieges die Herberge niedergebrannt, in der er sich aufgehalten hatte. Der Oberste Herrscher war kaum mehr als ein Skelett, als er aus dem Haus kam, und nach wenigen Augenblicken war er wieder gesund und munter.
Nur die Geschichten über das Elfte Metall bieten eine gewisse Hoffnung. Aber ich kann es noch nicht richtig einsetzen! Aus diesem Grund musste ich zum Palast zurückkehren. Der Oberste Herrscher verbirgt
irgendetwas
in dieser Kammer - ich spüre es deutlich. Vielleicht können wir ihn besiegen, wenn wir wissen, was es ist.«
»Aber dazu hättest du Vin nicht unbedingt mitnehmen müssen.«
»Sie ist mir gefolgt«, verteidigte sich Kelsier. »Ich befürchtete, sie könne auf eigene Faust versuchen, in den Palast zu gelangen, wenn ich sie allein zurücklasse. Das Mädchen ist sehr zielstrebig, Dox. Sie kann es gut verbergen, aber wenn sie will, kann sie ungeheuer stur sein.«
Docksohn seufzte und nickte. »Und wir wissen
immer
noch nicht, was sich in diesem Raum befindet.«
Kelsier warf einen Blick hinüber zu dem Buch, das Sazed auf den Tisch gelegt hatte. Das Regenwasser hatte seine Spuren darauf hinterlassen, doch der Band war offenbar dazu geschaffen, eine Menge auszuhalten. Er war fest zugebunden, damit kein Regenwasser in ihn eindringen konnte, und das Leder des Einbands war gewachst und dadurch haltbar gemacht.
»Nein«, sagte Kelsier schließlich.
Aber wir müssen es unbedingt herausfinden.
»War es das wert, Kell?«, fragte Docksohn. »War dieser verrückte Einbruch es wirklich wert, dass du und das Kind beinahe getötet worden wäret?«
»Ich weiß es nicht«, erwiderte Kelsier aufrichtig. Er drehte sich zu Docksohn um und sah ihm in die Augen. »Frag mich das noch einmal, wenn wir wissen, ob Vin überlebt oder nicht.«
DRITTER TEIL
Kinder einer blutenden Sonne
Viele glauben, meine Reise habe in Khlennium, der großen Stadt der Wunder, ihren Anfang genommen. Sie vergessen dabei, dass ich noch kein König war, als ich auf die Suche ging. Weit gefehlt.
Ich glaube, es wäre gut, wenn sich die Menschen daran erinnerten, dass dieses Unternehmen nicht von Herrschern, Priestern, Propheten oder Generälen ersonnen wurde. Es begann nicht in Khlennium oder Kordel, und seine Urheber waren nicht die großen Nationen des Ostens oder das feurige Reich im Westen.
Es begann in einer kleinen, unbedeutenden Stadt, deren Name niemandem etwas sagen wird. Es begann mit einem Jungen, dem Sohn eines Schmieds, der in keiner Hinsicht bemerkenswert war - mit der Ausnahme, dass er leicht in Schwierigkeiten geriet.
Es begann mit mir.
Kapitel 16
A ls Vin erwachte, verrieten ihr die Schmerzen, dass Reen sie wie so oft geschlagen hatte. Was hatte sie getan? War sie zu freundlich zu irgendeinem Bandenmitglied gewesen? Hatte sie eine dumme Bemerkung gemacht oder den Zorn des Anführers auf sich gezogen? Sie musste still sein, immer still sein, sich von den anderen fernhalten und durfte niemals Aufmerksamkeit erregen. Sonst würde er sie schlagen.
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