Kinder Des Nebels
Obligator zu imitieren, dann ist es Marsch.«
Vin nickte und nippte an ihrem Getränk. Etwas an Kelsier war anders geworden. Es war kaum merklich - eine winzige Veränderung in seiner Haltung und seinem Gehabe. Während ihrer Krankheit hatte sich offenbar einiges geändert.
»Vin ...«, sagte Kelsier zögernd. »Ich muss mich bei dir entschuldigen. Wegen mir wärest du beinahe umgebracht worden.«
Vin schnaubte leise. »Das ist nicht deine Schuld. Ich habe dich überredet, mich mitzunehmen.«
»Das hätte dir nie gelingen dürfen«, sagte Kelsier. »Meine ursprüngliche Entscheidung, dich fortzuschicken, war richtig gewesen. Bitte nimm meine Entschuldigung an.«
Vin nickte. »Was soll ich jetzt tun? Es muss schließlich weitergehen, nicht wahr?«
Kelsier lächelte. »Das wird es auch. Sobald du dazu in der Lage bist, solltest du nach Fellise zurückkehren. Wir haben verbreitet, dass Herrin Valette erkrankt ist, aber allmählich taucht das eine oder andere Gerücht auf. Je eher man dich in Fleisch und Blut sieht, desto besser.«
»Ich kann mich schon morgen auf die Reise machen«, schlug Vin vor.
Kelsier kicherte. »Das bezweifle ich zwar, aber du wirst schon bald in der Lage dazu sein. Erst einmal musst du dich erholen.« Er stand auf und wollte gehen.
»Kelsier?«, fragte Vin. Er blieb stehen, drehte sich zu ihr um und sah sie an.
Vin bemühte sich, ihre Frage in die richtigen Worte zu kleiden. »Der Palast ... die Inquisitoren ... Wir sind nicht unbesiegbar, oder?« Sie errötete; so wie sie es sagte, klang es ungeheuer dumm.
Doch Kelsier lächelte nur. Er schien zu verstehen, was sie auf dem Herzen hatte. »Nein, Vin«, meinte er. »Wir sind weit davon entfernt.«
*
Vin betrachtete die Landschaft, die draußen vor dem Kutschenfenster vorbeizog. Das Gefährt, das vom Haus Renoux hergeschickt war, diente angeblich der Herrin Valette zu einer Ausfahrt durch Luthadel. Doch in Wirklichkeit war Vin erst bei einem kurzen Halt des Wagens in Keulers Straße zugestiegen. Nun waren die Fenstervorhänge zurückgezogen und zeigten sie wieder der Welt - vorausgesetzt, es bemerkte sie überhaupt jemand.
Die Kutsche befand sich inzwischen auf dem Rückweg nach Fellise. Kelsier hatte Recht gehabt: Vin hatte sich noch drei weitere Tage in Keulers Laden erholen müssen, bevor sie stark genug für eine solche Reise gewesen war. Mit ein Grund für ihr anfängliches Widerstreben war auch gewesen, dass sie sich mit ihren Prellungen und der Wunde an der Seite noch nicht in ein Adelskleid zwängen wollte.
Doch es fühlte sich gut an, wieder auf den Beinen zu sein. Ihrer Ansicht nach war es einfach falsch gewesen, sich in einem Bett zu erholen. Eine so lange Zeit der Ruhe wurde einem gewöhnlichen Dieb nie gewährt. Entweder kehrten Diebe rasch wieder an die Arbeit zurück, oder sie wurden aufgegeben und dem Tod überlassen. Wer kein Geld fürs Essen heranschaffte, hatte sich keinen Platz im Diebesquartier verdient.
Doch das ist offenbar nicht die einzige Art, wie man leben kann,
dachte Vin. Dieses Wissen war ihr noch immer unangenehm. Es war Kelsier und den anderen egal gewesen, dass Vin ihnen zur Last fiel. Sie hatten ihren Zustand der Schwäche nicht ausgenutzt, sondern für sie gesorgt und abwechselnd neben ihrem Bett gesessen. Der bemerkenswerteste von all ihren Krankenwächtern war der junge Lestiborner gewesen. Vin hatte nicht den Eindruck, ihn besonders gut zu kennen, doch Kelsier hatte ihr erzählt, dass er während ihrer Bewusstlosigkeit stundenlang bei ihr ausgeharrt hatte.
Was sollte man von einer Welt halten, in der sich der Bandenführer Sorgen um seine Leute machte? Im Untergrund war jeder Einzelne für sich selbst verantwortlich. Die schwächeren Mitglieder einer Bande ließ man sterben, denn sie hielten die anderen davon ab, genug zum Überleben zu verdienen. Wenn jemand vom Ministerium gefangen wurde, überließ man ihn seinem Schicksal und hoffte, dass der Häftling nicht allzu viel verriet. Und man machte sich keine Gedanken über die eigene Schuld, wenn man andere in Gefahr gebracht hatte.
Es sind Narren,
flüsterte Reens Stimme in ihr.
Dieser ganze Plan wird in einer Katastrophe enden - und du bist selbst schuld, wenn du dabei den Tod findest, denn du bist nicht weggelaufen, als du es noch konntest.
Reen war gegangen, als es ihm möglich gewesen war. Vielleicht hatte er gewusst, dass die Inquisitoren wegen Vins Kräften, von denen sie selbst keine Ahnung gehabt hatte, auf kurz oder lang hinter ihnen
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