Kinder Des Nebels
her sein würden. Er hatte immer gewusst, wann es Zeit war wegzugehen. Es war kein Zufall, dass er nicht zusammen mit dem Rest von Camons Bande umgebracht worden war.
Dennoch achtete sie nicht weiter auf Reens drängende Worte in ihrem Kopf, sondern ließ es zu, dass die Kutsche sie nach Fellise brachte. Es war nicht so, dass sie sich in Kelsiers Mannschaft sicher fühlte. Im Gegenteil, ihre gegenwärtige Lage machte sie sogar noch ängstlicher. Was, wenn man sie nicht mehr brauchte? Wenn sie für die anderen nutzlos geworden war?
Sie musste ihnen beweisen, dass sie das zu tun imstande war, was man von ihr erwartete. Sie musste an Festlichkeiten teilnehmen und die feine Gesellschaft unterwandern. Sie konnte es sich nicht mehr leisten, andauernd zu schlafen.
Außerdem musste sie ihre allomantischen Übungsstunden wieder aufnehmen. Es hatte nur wenige Monate gedauert, bis sie von ihren neu entdeckten Fähigkeiten abhängig geworden war, und sie sehnte sich nach der Freiheit, im Nebel herumzuspringen und durch allomantisches Drücken und Ziehen ihren Weg durch den Himmel zu nehmen. Krediksheim hatte sie gelehrt, dass sie nicht unbesiegbar war, aber da Kelsier fast ohne einen Kratzer überlebt hatte, fehlte ihr selbst offenbar noch eine Menge Erfahrung. Vin musste üben und stärker werden; dann würde sie eines Tages den Inquisitoren genauso entkommen können wie Kelsier.
Die Kutsche bog um eine Ecke und rollte in Fellise ein. Die vertraute, ländlich gebliebene Vorstadt zauberte Vin ein Lächeln auf die Lippen. Sie lehnte sich gegen das offene Fenster und spürte den Fahrtwind. Mit etwas Glück würde der eine oder andere Passant gleich darüber reden, er habe Herrin Valette durch die Stadt fahren sehen. Wenige Kurven später kam sie beim Haus Renoux an. Ein Lakai öffnete die Tür, und überrascht stellte Vin fest, dass Graf Renoux höchstpersönlich vor der Kutsche wartete, um ihr hinauszuhelfen.
»Sicherlich hast du Wichtigeres zu tun, als dich um mich zu kümmern, Onkel«, sagte sie, während sie ihm die Hand reichte.
»Unsinn«, erwiderte er. »Ein Graf muss sich die Zeit nehmen, um seine Lieblingsnichte zu verwöhnen. Wie war deine Fahrt?«
Hört er denn niemals mit der Schauspielerei auf?
Er fragte nicht nach den anderen in Luthadel und ließ auch nicht erkennen, ob er von ihrer Verletzung wusste oder nicht.
»Erfrischend, Onkel«, antwortete sie, während sie die Stufen zur Tür des Herrenhauses hinaufschritten.
Vin war dankbar für das Weißblech, das langsam in ihrem Magen verbrannte und ihren noch immer schwachen Beinen Kraft verlieh. Kelsier hatte sie davor gewarnt, zu viel zu benutzen, doch bis zu ihrer vollständigen Genesung blieb ihr keine andere Wahl.
»Das ist ja wunderbar«, sagte Renoux. »Sobald du dich ausgeruht hast, sollten wir auf der Gartenterrasse zu Mittag essen. Trotz des bevorstehenden Winters ist es in den letzten Tagen recht warm gewesen.«
»Das wäre sehr schön«, meinte Vin. Früher hatte sie das Gehabe des Schwindlers als einschüchternd empfunden. Doch in ihrer Rolle als Herrin Valette verspürte sie eine gewisse Ruhe in seiner Gegenwart. Die Diebin Vin bedeutete einem Mann wie Renoux nichts, aber bei Valette, der Dame der Gesellschaft, war das schon etwas anderes.
»Sehr gut«, sagte Renoux und blieb vor dem Eingang stehen. »Doch vielleicht sollten wir das auf einen anderen Tag verschieben. Bestimmt möchtest du dich zuerst von deiner Reise erholen.«
»Eigentlich würde ich gern mit Sazed sprechen, Onkel. Ich muss ein paar Dinge mit ihm bereden.«
»Ah«, meinte Renoux. »Du findest ihn in der Bibliothek, wo er an einem meiner Projekte arbeitet.«
»Vielen Dank«, sagte Vin.
Renoux nickte und ging fort, wobei sein Duellstab im Takt gegen den weißen Marmorboden schlug. Vin runzelte die Stirn und versuchte, sich darüber klarzuwerden, ob er geistig ganz gesund war. Konnte jemand wirklich so vollständig in seiner Rolle aufgehen?
Du tust es doch auch,
rief sie sich in Erinnerung.
Wenn du zur Herrin Valette wirst, zeigst du eine ganz andere Seite deiner Selbst.
Sie drehte sich um und fachte ihr Weißblech an, das ihr helfen sollte, die nördliche Treppe zu ersteigen. Als sie die oberste Stufe erreicht hatte, dämpfte sie die Flamme. Wie Kelsier gesagt hatte, war es gefährlich, Metalle zu lange auf hoher Flamme zu belassen; der Körper eines Allomanten konnte schnell von ihnen abhängig werden.
Sie holte mehrmals tief Luft - es war ihr trotz des Weißblechs
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