Kinder Des Nebels
»Der Text teilt bemerkenswert viele Einzelheiten mit, vor allem über unbedeutende Dinge wie Lastenträger oder Proviant. Überdies ist der Oberste Herrscher sehr widersprüchlich dargestellt. Wenn das Ministerium ein Buch über seinen Gott schriebe, dann würde es ihn ... göttlicher zeichnen, glaube ich.«
»Ich möchte es lesen, wenn du damit fertig bist, Sazed«, sagte Docksohn.
»Ich auch«, schloss sich Weher an.
»Einige von Keulers Lehrjungen arbeiten gelegentlich auch als Schreiber«, meinte Kelsier. »Wir können sie beauftragen, für jeden von euch ein Exemplar herzustellen.«
»Sie sind wirklich ein praktischer Haufen«, bemerkte Docksohn.
Kelsier nickte. »Was kommt als Nächstes?« Die Gruppe verstummte, und Docksohn nickte Vin zu. »Der Adel.«
»Ich kann mich wieder an die Arbeit machen«, sagte Vin rasch. »Ich bin fast ganz gesund.«
Kelsier warf Sazed einen raschen Blick zu; dieser hob eine Braue. Regelmäßig überprüfte er ihre Wunde, und anscheinend gefiel sie ihm noch nicht.
»Kell«, meinte Vin, »ich werde hier langsam
verrückt.
Ich bin als Diebin aufgewachsen und musste immer um mein Essen und meinen Platz kämpfen. Ich kann nicht einfach nur herumsitzen und mich von den Dienern verwöhnen lassen.«
Außerdem muss ich beweisen, dass ich der Mannschaft noch immer nützlich sein kann.
»Du bist einer der Gründe, warum wir heute hergekommen sind«, teilte Kelsier ihr mit. »Am kommenden Wochenende findet ein Ball statt ...«
»Ich gehe hin«, unterbrach Vin ihn.
Kelsier hielt einen Finger hoch. »Hör mich erst an, Vin. Du hast in der letzten Zeit eine Menge mitgemacht, und diese Maulwurfsarbeit könnte gefährlich werden.«
»Kelsier, mein ganzes bisheriges Leben ist gefährlich gewesen«, sagte Vin. »Ich gehe hin.«
Kelsier wirkte nicht überzeugt.
»Sie muss es tun, Kell«, sagte Docksohn. »Zum einen wird der Adel misstrauisch, wenn sie nicht langsam wieder an den Festlichkeiten teilnimmt. Und zum anderen sind wir von ihren Informationen abhängig. Diener-Spione im Personal sind nicht dasselbe wie ein Spion, der dem örtlichen Klatsch des Adels zuhört. Das weißt du genau.«
»Also gut«, sagte Kelsier schließlich. »Aber du musst mir versprechen, dass du keine körperliche Allomantie einsetzt, bis Sazed es dir empfiehlt.«
*
Später an jenem Abend wunderte sich Vin gehörig darüber, wie gern sie auf diesen Ball gehen wollte. Sie stand in ihrem Zimmer und betrachtete die vier verschiedenen Ballkleider, die Docksohn ihr besorgt hatte. Da sie schon seit etwa einem Monat gezwungen war, Adelskleider zu tragen, empfand sie diese inzwischen nicht mehr als gar so unbequem wie früher.
Das heißt nicht, dass sie nicht frivol wären,
dachte sie, während sie die Kleider untersuchte.
All diese Spitze, diese Stoffschichten ... ein einfaches Hemd und eine Hose sind doch viel praktischer.
Doch es war etwas Besonderes an diesen Kleidern. Sie waren auf ihre Weise so schön wie die Gärten hinter dem Haus. Wenn man sie als einzelnes Gewand betrachtete - wie einen einzelnen Baum -, dann waren sie nicht sonderlich beeindruckend. Doch wenn man auf einen Ball gehen wollte, erhielten diese Kleider plötzlich eine neue Bedeutung. Sie waren schön, und sie machten Vin schön. Es war das Gesicht, das Vin dem Hof zeigen würde, und deshalb wollte sie unbedingt das Richtige auswählen.
Ich frage mich, ob Elant Wager da sein wird ...
Hatte Sazed nicht gesagt, dass die meisten jüngeren Adligen an jedem Ball teilnahmen?
Sie legte die Hand auf ein schwarzes Kleid mit silbernem Stickwerk. Es würde zu ihrem Haar passen, aber war es nicht zu dunkel? Die meisten anderen Frauen trugen recht bunte Kleider; gedämpfte Farben schienen den Anzügen der Männer vorbehalten zu sein. Sie betrachtete das gelbe Kleid, doch es erschien ihr etwas zu frech. Und das weiße war zu reich verziert.
Also blieb nur das rote. Der Ausschnitt war größer - es war nicht so, dass sie viel zu zeigen gehabt hätte -, aber es war wunderschön, sehr zart, mit vollen Ärmeln und reizte sie sehr. Doch es schien so ... schreiend zu sein. Sie hob es auf, befühlte das weiche Material und stellte sich vor, wie sie darin aussehen würde.
Wie bin ich nur auf das hier gekommen!,
dachte Vin.
In diesem Ding kann ich mich unmöglich verstecken! Diese gekräuselten Sachen - das bin doch nicht ich.
Trotzdem sehnte sich ein Teil von ihr nach dem Ball. Das alltägliche Leben einer Adligen frustrierte sie, und ihre Erinnerungen an
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