Kinder Des Nebels
zusammen mit der Tatsache, dass sie ein Zinnauge war -, die sie in den Untergrund und zu mir geführt hat. Sie war es, die mir Sazed vorgestellt hat, auch wenn ich ihn damals noch nicht in meine Mannschaft aufgenommen habe. An Diebereien war er nicht interessiert.« Vin faltete das Blatt zusammen. »Und du hast dieses Bild immer noch? Nach alldem, was ... sie dir angetan hat?«
Kelsier schwieg einen Moment lang. Dann sah er sie eingehend an. »Hast du wieder einmal an der Tür gelauscht? Keine Angst, ich glaube, es ist inzwischen allgemein bekannt.« In der Ferne wurde die untergehende Sonne zu einem Feuerball; ihr rötliches Licht erhellte Wolken und Rauch gleichermaßen.
»Ja, ich habe die Blüte behalten«, sagte Kelsier. »Ich bin mir selbst nicht sicher, warum. Aber ... liebst du jemanden nicht mehr, nur weil er dich betrogen hat? Ich glaube nicht. Das macht einen solchen Verrat so schwer zu ertragen. Er erzeugt Schmerz, Enttäuschung, Wut, und immer noch liebt man. Ich jedenfalls liebe sie noch.«
»Wieso?«, fragte Vin. »Wie kannst du das? Und wie kannst du noch immer Menschen vertrauen? Hast du nichts aus dem gelernt, was sie dir angetan hat?«
Kelsier zuckte die Schultern. »Ich glaube, wenn ich zwischen der Liebe zu Mare - einschließlich ihres Verrats - und einem Leben, in dem ich sie nie gekannt hätte, wählen müsste, dann würde ich immer noch die Liebe wählen. Ich habe viel riskiert und viel verloren, aber es war das Risiko wert. Mit meinen Freunden ist es dasselbe. In unserem Beruf ist Misstrauen ein gesunder Zug - aber nur bis zu einem gewissen Grad. Ich vertraue meinen Männern lieber, als mir andauernd Gedanken darüber zu machen, was passieren wird, wenn sie sich gegen mich wenden.«
»Das klingt dumm«, sagte Vin.
»Ist Glück etwas Dummes?«, fragte Kelsier und drehte sich zu ihr um. »Wo bist du glücklicher gewesen, Vin? In meiner Mannschaft oder in der von Camon?«
Vin schwieg.
»Ich weiß nicht mit letzter Sicherheit, ob Mare mich verraten hat«, sagte Kelsier und betrachtete wieder den Sonnenuntergang. »Sie hat immer behauptet, sie hätte es nicht getan.«
»Sie wurde in die Gruben geschickt, nicht wahr?«, fragte Vin. »Das ergibt doch keinen Sinn, wenn sie auf der Seite des Obersten Herrschers war.«
Kelsier schüttelte den Kopf und starrte in die Ferne. »Sie tauchte in den Gruben auf, nachdem ich schon ein paar Wochen dort war. Nach unserer Ergreifung hatte man uns getrennt. Ich weiß nicht, was während jener Zeit geschehen ist oder warum sie schließlich nach Hathsin geschickt wurde. Die Tatsache, dass sie zum Sterben dorthin gesandt wurde, deutet vielleicht darauf hin, dass sie mich doch nicht verraten hat, aber ...« Er wandte sich wieder an Vin. »Du hast ihn nicht gehört, als er uns erwischt hatte, Vin. Der Oberste Herrscher ... er hat ihr gedankt. Er hat ihr dafür gedankt, dass sie mich verraten hat. Seine Worte - die er mit einer unheimlichen Aufrichtigkeit sprach - ließen erkennen, dass er in unseren Plan eingeweiht war. Es fiel mir schwer, Mare zu glauben. Aber das hat meine Liebe zu ihr nicht verändert - nicht tief in meinem Inneren. Ich wäre fast gestorben, als sie ein Jahr später unter den Schlägen der Sklavenmeister in den Gruben umkam. Als ihr Leichnam in jener Nacht weggebracht wurde, hat es in mir geschnappt.«
»Du bist verrückt geworden?«, fragte Vin.
»Nein«, entgegnete Kelsier. »Schnappen ist ein allomantischer Begriff. Zunächst schlummern unsere Kräfte verborgen in uns. Erst nach einem traumatischen Erlebnis treten sie an die Oberfläche. Es muss etwas sehr Intensives sein - etwas beinahe Tödliches. Die Philosophen sagen, dass ein Mensch erst dann über die Metalle gebieten kann, wenn er den Tod gesehen hat und ihm entronnen ist.«
»Wann ist es denn bei mir passiert?«, wollte Vin wissen.
Kelsier zuckte die Achseln. »Das ist schwer zu sagen. Wenn man so aufgewachsen ist wie du, gibt es bestimmt eine Menge Gelegenheiten zum Schnappen.« Er nickte gedankenverloren. »Bei mir war es in jener Nacht. Allein in den Gruben, die Arme blutig von der Arbeit des Tages. Mare war tot, und ich befürchtete, dafür verantwortlich zu sein, weil mein Mangel an Glauben ihr die Stärke und den Willen zu überleben geraubt hatte. Sie starb in dem Bewusstsein, dass ich ihre Treue zu mir infrage gestellt hatte. Wenn ich sie wirklich so geliebt hätte, dann hätte ich vielleicht nie an ihr gezweifelt. Ich weiß es nicht.«
»Aber du bist nicht
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