Kinder Des Nebels
gewöhnliche Schuhe tragt.«
Vin runzelte die Stirn, aber sie akzeptierte diese Erklärung. Doch Sazeds Erwähnung des Tanzens erhöhte ihr Unbehagen beträchtlich. Sie erinnerte sich an die fließenden Bewegungen der Tänzer auf dem letzten Ball. Sicherlich war sie nicht in der Lage, es ihnen gleichzutun; sie kannte kaum die grundlegenden Schritte.
Das ist egal,
dachte sie.
Sie werden mich nicht sehen - sie sehen nur die Herrin Valette, und die ist neu und unerfahren, und jedermann glaubt, sie sei kürzlich noch sehr krank gewesen. Da ist es durchaus glaubhaft, dass sie heute Abend eine schlechte Tänzerin abgibt.
Mit diesen Gedanken erreichte Vin das obere Ende der Treppe und fühlte sich wieder etwas selbstsicherer.
»Ich muss sagen, Herrin, dass Ihr diesmal weitaus weniger nervös zu sein scheint«, meinte Sazed. »Es ist beinahe so, als wäret Ihr erregt. Das ist, glaube ich, die richtige Haltung für Valette.«
»Vielen Dank«, sagte sie und lächelte. Er hatte Recht: sie
war
erregt. Es war so aufregend, wieder ein Teil der Verschwörung zu sein - und es war aufregend, zum Adel mit all seinem Glanz und seiner Anmut zurückzukehren.
Sie betraten das gedrungene Ballhaus - dabei handelte es sich um einen von mehreren niedrigen Flügeln, die von der Hauptfestung abzweigten -, und ein Diener nahm ihren Schal entgegen. Vin blieb kurz in der Tür stehen und wartete darauf, dass Sazed sich um ihren Tisch und ihr Mahl kümmerte.
Der Ballsaal von Elariel unterschied sich erheblich von der majestätischen Halle des Hauses Wager. Der schwach erleuchtete Raum war nur ein Stockwerk hoch und besaß zwar etliche Bleiglasfenster, doch sie alle steckten in der Decke. Rosettenfenster leuchteten herab, erhellt von kleinen Kalklichtern auf dem Dach. Auf jedem Tisch standen Kerzen, und trotz des Lichts von oben herrschte in dem Raum ein zurückhaltendes Zwielicht. Er besaß trotz der vielen hier anwesenden Menschen eine Atmosphäre der Abgeschiedenheit.
Dieser Raum war offenbar als Festsaal erbaut worden. Ein abgesenkter Tanzboden befand sich in der Mitte und war besser erleuchtet als der Rest des Saales. Zwei Reihen von Tischen umgaben die Tanzfläche. Die erste Reihe lag nur ein paar Fuß höher, und die zweite war weiter zurückgesetzt und stärker erhöht.
Ein Diener führte sie an einen Tisch am Rande des Saales. Sie setzte sich, und Sazed nahm seinen üblichen Platz hinter ihr ein und wartete darauf, dass das Mahl aufgetragen wurde.
»Wie soll ich eigentlich die Informationen bekommen, die Kelsier haben will?«, fragte sie mit gedämpfter Stimme, während sie ihre Blicke durch den dunklen Raum schweifen ließ. Die tiefen, glitzernden Farben an der Decke warfen verschlungene Muster auf Tische und Gäste und erschufen eine beeindruckende Atmosphäre, doch sie machten es schwierig, Gesichter zu erkennen. War Elant unter den Anwesenden?
»Heute Abend werden einige Männer Euch um einen Tanz bitten«, sagte Sazed. »Nehmt ihre Aufforderung an. Das wird Euch Gelegenheit geben, sich später zu ihnen und ihren Gruppen zu gesellen. Ihr müsst nicht an den Gesprächen teilnehmen; es ist vor allem wichtig, dass Ihr zuhört. Bei zukünftigen Bällen wird der eine oder andere junge Mann Euch vielleicht bitten, ihn zu begleiten. Dann könnt Ihr an seinem Tisch sitzen und all seinen Unterredungen lauschen.«
»Du meinst, ich soll die ganze Zeit mit einem einzigen Mann verbringen?«
Sazed nickte. »Das ist nicht ungewöhnlich. Und an einem solchen Abend werdet Ihr nur mit ihm tanzen.«
Vin zog die Stirn kraus. Sie sagte nichts mehr dazu, sondern ließ wieder den Blick durch den Saal schweifen.
Vielleicht ist er gar nicht hier. Er hat gesagt, er meidet die Bälle, wenn es ihm möglich ist. Selbst wenn er hier sein sollte, hätte er keine Zeit für dich. Du würdest nicht einmal ...
Ein dumpfes Geräusch ertönte, als jemand einen Stapel Bücher auf ihrem Tisch ablegte. Vin zuckte zusammen, drehte sich um und sah, wie Elant Wager einen Stuhl heranzog und sich in entspannter Haltung daraufsetzte. Er lehnte sich auf seinem Stuhl zurück, zog einen Kerzenleuchter neben dem Tisch näher an sich heran, schlug eines der Bücher auf und begann zu lesen.
Sazed runzelte die Stirn. Vin unterdrückte ein Lächeln und sah Elant an. Es hatte den Anschein, dass er sich nicht einmal die Mühe gemacht hatte, sich die Haare zu kämmen, und wieder trug er seinen Anzug, ohne ihn zugeknöpft zu haben. Seine Kleidung war nicht schäbig, aber sie war
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