Klemperer, Viktor
mit ob ohne Indiotropfen. sie trägt am Kleidaufschlag ein uruguayisches Fähnchen: so sieht sie nicht jüdisch aus, sondern südamerikanisch und ist also vor Belästigungen geschützt (zumal Uruguay mit der spanischen roten Regierung gebrochen hat[)]. Dieses Fähnchen wird ein kulturhistorisches – lucus a non 3 – Glanzpünktchen sein, wenn meine Vita doch einmal aus dem Papiersoldaten-Kasten aufsteigt. – Die beiden Fahrten ins Erzgebirge und die sächs. Schweiz (cf. Brief an * Walter) waren wirklich sehr gelungen. Auf der Bastei waren wir kurz vorher, am Sonntag, 20. 9., allein gewesen und hatten, automobilistischer Stolz! genau da zwischen vielen Wagen rückwärts einfahrend geparkt, wo am Pfingstsonntag vorigen Jahres * Isakowitz Wagen gestanden hatte. Der Blick im starken und doch nicht undurchsichtigen Herbstnebel war beidemale überaus und wahrhaft phantastisch schön. [P]hantastisch ist jetzt offenbar ein Modewort, sowie [k]olossal zur Zeit des kaiserlichen Gardeleutnants. Es kam bei Isakowitz und bei * Walter Jelski in jedem dritten Satz vor und bei * Lilli in jedem zweiten. Ihr zweites Lieblingswort ist Hemmung oder gehemmt, das dritte gelöst.
Ich war bei dem Treuhänder * Tanneberger, den wir 1934 ergebnislos aufsuchten. Eine Hypothek von 2 000 M. sei nicht zu beschaffen, sagte er sofort; die Leute haben Angst, ihr Geld nicht wieder freizubekommen, da die Regierung den Schuldner auf alle Weise schütze. Als er dann hörte, dass ich Nichtarier sei: Dann ist es schon ganz ausgeschlossen. Wir unterhielten uns im Übrigen lange und freundschaftlich. Der Mann, Anfangs vierzig, seit 29 zur NSDAP gehörig, vom Stahlhelm herkommend, Antisemit in Richtung gegen die zugewanderten Ostjuden, ist heftigster Gegner der Regierung, nicht nur ihrer Judenpolitik. Sein interessantestes Wort: Ich lache jeden Abend, wenn ich den Moskauer Sender höre.
Man braucht nur jedesmal für * Stalin: * Hitler zu setzen und für bolschewistisch: nationalsocialistisch, so sind es genau die gleichen Reden. Er sagte, es sei ihm ein Rätsel, wie das hiesige Régime sich halte, vor allem ein wirtschaftliches Rätsel, aber er sehe kein Ende ab. Bleibe Frieden, so würde es sich erst in Jahren totlaufen.
Von der deutschen Kriegsbereitschaft hielt er nicht viel. Die Rüstungen sei[en] nicht vollendet, die Truppen zu rasch ausgebildet, die jungen Menschen – Kriegsgeneration – ohne genügende Widerstandskraft. Er habe sie eben jetzt völlig erschöpft im Manövergelände gesehen. Auch er schien Krieg und Niederlage als Rettung anzusehen. Er sagte aber: die jungen (nicht die alten!) Offiziere seien völlig hitlertreu: Sie meinen immer wieder, es könne ihnen ja gar nicht besser gehen als jetzt. Sein Antisemitismus: Warum hat man die Galizier im Krieg hereingelassen? Warum musste der * Polizeipraesident von Berlin Jude sein, 1 warum an jeder hervorragenden Stelle ein Jude sitzen? Woraus zu entnehmen, dass die NSDAP die Volksstimmung ganz richtig bewertet hat, und das[s] der jüdische Traum vom Deutschsein doch wohl ein Traum gewesen ist. Das ist mir die bitterste Erkenntnis. Andrerseits sagte * G. 2 ganz richtig: Sie müssen eben zur Propaganda einen Gegner haben. Erst waren es die Juden, jetzt muss der Bolschewismus herhalten. – Mit alledem habe ich keine Hypothek, und die Geldnot ist durch die neueste Drohung des * Bürgermeisters noch mehr gestiegen n , denn ich muss nun sofort einen Gartenarbeiter kommen lassen. Auch * Lillis Besuch war teuer (und entsetzlich anstrengend – ich hatte immerfort in der Küche zu tun, musste mich immerfort unterhalten, kam nie aus Stiefel und Kragen).
Auf * * Wenglers Empfehlung wird mir gemeldet Herr Doctor Hel * Helm[ 2 ]. Gutaussehender Intellektueller. Rechtsanwalt, Arbeiterverteidiger, hat neun Monate gesessen, verkauft Autopolitur, die Flasche für 2,50 M., die Frau schneidert. Wir unterhielten uns sozusagen kollegial, er bekam eine Cigarette, ich kaufte nichts.
Ich achte jetzt beim Markensammeln (das leider auch nur papiersoldatisch betrieben wird[)] auf die Stempel. Früher hiess es nur etwa: Besucht die Leipziger Messe! oder auch Kraftfahrer! nehmt Rücksicht auf andere; heute auf einer Karte aus Berlin: Wer keine Zeitung liest Ohne Zeitung lebt man auf dem Mond, und daneben sitzt ein Mann mit baumelnden Beinen auf einem Halbmond. Es geht schon seit Tagen in unserer Zeitung (und somit in jeder), man müsse Zeitung lesen. Neulich in einer Rede eines Reichspresseführers (oder so, ich
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