Klemperer, Viktor
hier als Jude weiter arbeitet und das DEUTSCHE Geistesleben bereichert, der lädt – und miteinemmale erschien mir diese ganze Versammlung sozusagen im Rütlilicht. 2 Es hätte der wunderschönen Cellomusik nicht bedurft, um mich zu erschüttern. So war es eine eigentümlich schöne Leiche. Sehr grausam empfand ich dann aber die Sitte des (in diesem Fall sehr langen) Condolenzdéfilés vor der * Witwe. – Wir nahmen auf der Rückfahrt * Frau Kühn ein Stück in unserm Wagen mit. Sie fiel in schwerer Erschütterung * Eva mit Thränen um den Hals und machte ihr eine wirkliche Liebes- und Treueerklärung (nachdem sie vor Monaten hier unsere politische Verbitterung etwas kühl aufgenommen, und nachdem ihr * Mann die nordische Seele * Friedrichs des Grossen entdeckt hatte.)
10. Oktober 36, Sonnabend.
Vor ein paar Tagen schon ein Glückwunsch von * Ilse Klemperer. 3 Sie geht, von ihrem nervenkranken * Mann geschieden, mit ihrem * Sohn nach Rio de Janeiro zu ihrem * Bruder Kurt und nimmt die Asch[e] ihres * Vaters Felix mit. Er soll hier nicht allein bleiben. Sie kann auch sein EK. I mitnehmen.
* Berthold Meyerhof besuchte uns. * * * Die Meyerhöfe schwimmen immer auf seltsame Art oben. Man wirft ihn eben als nichtarischen Vertreter einer hiesigen Fabrik heraus; er wird dabei Schulden los, die er an eben diese Fabrik hatte. In Berlin als der Capitale, die unter den Augen der Welt liegt, scheint der Antisemitismus nicht ganz so schwer zu grassieren wie hier. * Streicher in Franken und * Mutschmann in Sachsen, das sind wohl die Nonplusultras. So erzählte * B., dass der Eisenbahnrat * Landsberg mit vollem Gehalt abgebaut sei. Von dessen Frau * Idi-Bussy (cf. die seligen Zeiten von 1906! 4 ) hörten wir gerade neulich auf seltsame Weise. Mich hatte hier ein italienischer Bibliothekar * Cione besucht; der schrieb aus Florenz eine gemeinsame Grusskarte con gli amici * Mutter und * Tochter Landsberg. Die Welt ist klein, begannen * Bussys Zeilen.
Ein Brief von * Georg, der sich in Newtonville zur Ruhe gesetzt hat und zwischen den wachsenden Familien * * * seiner * * Söhne 5 hin und herreist. Sie sind alle in guten Stellungen (als junge Leute und in praktischen Berufen) und alle dem Inferno germanico entronnen. Ich antwortete heut sehr ausführlich, schrieb auch vom Auto, und wie ich es kaum würde behaupten können.
* Berthold M. sagte neulich, als ich mir den Beruf eines Kunstschützen wünschte, sein * Vater habe als alter Mann während des Kapp-Putsches im Gedränge vor dem Palais des Reichspraesidenten gestanden, um es mit seinem Leibe zu decken.
Wir waren zum 26. und letzten Mal in der Blumenausstellung, die einen wehmütigen Sterbeeindruck machte; sie wird am Sonntag geschlossen. Mich hat unter den Bilhauereien darin immer eine gekünstelte Gruppe geärgert: Ein junger Mensch im Lauf auf den Zehen eines Fusses wippend hält ein junges Mädchen um die Taille gefasst, die sich, soeben ergriffen, kokett mit dem Oberkörper zurückbäumt und mehr Halt in der Taille als auf ihren Füssen hat. Das ganze soll offenbar die grosse jugendliche Bewegung verkörpern, ist aber nur eine wacklige Renommisterei der difficulté vaincue. 1 Plötzlich erschien mir diese jugendliche Gruppe wie ein Symbol des neuen Reichs, und ich nannte sie Stabilitas.
Die privathistorische Bedeutung der Ausstellung liegt für mich darin, dass sie fast den Hauptanstoss zu meinem Chauffieren gegeben hat. Ich wollte * Eva den häufigen Besuch ermöglichen und machte den Kauf der Dauerkarten vom Erlernen des Fahrens abhängig.
Ich habe den dritten Band der * Buckschen Chinatrilogie: []Das geteilte Haus 2 vorgelesen; er ist der reichhaltigste und interessanteste. Das werdende China zwischen alt und neu. Eine sehr grosse Dichterin.
14. Oktober, Mittwoch.
Endlich das zweite * Rousseaucapitel im Ms. fertig. Für wen? Schon dass ich die langen Citate in französischer Sprache bringe, ist ein grosses Publikationshindernis selbst in einem anders regierten Deutschland; denn diese ganze Generation lernt ja kein Französisch mehr.
Am Sonntag Nachm. fuhren wir nach langer Pause ein Weilchen. Bis Kipsdorf und nach wenigen Minuten und Schritten zurück. Es war eigentlich unsere erste Winterfahrt, wir froren sehr, und mir erstarrten die Hände am Steuer. Zweimal erschreckten mich meine Augen. Die tiefstehende Sonne flackerte mir ins Gesicht. Blendung hat mich schon oft geq[u]ält, diesmal aber geschah etwas Neues. Ich sehe im Sonnendunst einen
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