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Klemperer, Viktor

Klemperer, Viktor

Titel: Klemperer, Viktor Kostenlos Bücher Online Lesen
Autoren: Die Tagebücher
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Radler rechts vor mir und will ihm ausweichen, da ist er plötzlich verschwunden, wie ausgelöscht – nicht undeutlich da, sondern buchstäblich fort. Das Gleiche wiederholte sich ein paar Minuten später mit einer ganzen Fussgängergruppe. Mir kam erst hinterher ins Bewusstsein, dass es sich hier um ein momentanes Erblinden gehandelt hat.
    Wir sollen heute Abend bei * Frau Schaps sein, zusammen mit * * Spiegelbergs – dessen * Frau wir noch nicht kennen.
    Sprache des dritten Reichs. Vorgestern in der Zeitung: Beim Zusammenstoss der Strassenbahn ... wurden acht VOLKSGENOSSEN verletzt. – Der Querschnitt 3 wurde bis auf weiteres verboten, weil er eine Reihe INTELLEKTUALISTISCHER UND FAST STAATSFEINDLICHER Randbemerkungen gebracht hat.
    * E.s Befinden ist in letzter Zeit wieder recht mässig. Abends muss sie vor nervösem Frieren sich gleich nach dem Essen hinlegen, ich lese im Schlafzimmer vor. Ihre Widerstandskraft gegen die ständig wachsende Enge und Bedrückung ist ziemlich aufgebraucht.
    Lektüre: * John Knittel 4 : El Hakim. Es scheinen wirklich die wenig überarbeiteten Memoiren eines aegyptischen Arztes und Nationalisten. Sie würden mir besser gefallen, wenn ich diese Begeisterung für Blut und Nation nicht zu sehr in ihrer deutschen Auswirkung kennte. Das amüsanteste an dem Buch ist die Stilmischung. Blühend arabisch und trocken wissenschaftlich. Tumor und Serum stehen neben der Rose meines Herzens und dem Bruder eines Misthaufens, Ausdrücke der englischen Verwaltung und Politik neben Anklängen an den Koran und Tausendundeine Nacht. Das Ganze gibt sich als die lose gegliederten Erinnerungen eines Chirurgen aus einer kleinen ägyptischen Stadt und ganz armseliger Herkunft. Bedeutend am Anfang das Schlachthaus, in dem der Junge seine ersten anatomischen Studien macht. Vieles aber flach und nebensächlich, vieles phrasenhaft.
     

 
    Sonntag, 18. Oktober.
    Am Abend des 14. Okt., während wir bei * Frau Schaps waren, ist * Wally gestorben, 59 Jahre alt, gestern Nachm. eingeäschert worden. Bauchspeicheldrüsenkrebs – alle andern Nachrichten waren falsch, um sie zu täuschen. Man hatte irgendwelche neue Spritzen versucht, umsonst. Als man vor etwa 14 Tagen noch einen Operationsversuch machte, öffnete man nur und schloss wieder, ohne einzugreifen, weil es absolut hoffnungslos war. Zuletzt hat sie viel Morphium bekommen – sonst hätte es länger gedauert, sagte mir * Lotte.
    Ich fuhr gestern Mittag zur Einäscherung hinüber und war um Zehn wieder in Dr. Rücksichtsvoll von der armen Wally, mir eine Wochenendkarte zu ermöglichen; selbst diese zwölf Mark waren kaum erschwinglich. 1931, 1932 1936: jedesmal auf ein paar Stunden zum Begräbnis * Bertholds, * Felix , Wallys, das sind meine Aufenthalte in Berlin in diesen Jahren. Es war die gräulichste Leichenfeier, der ich je beigewohnt habe. Man hatte auf W.s Wunsch niemandem die Zeit angegeben und alles Brimborium vermieden. Aber dann hätte man consequent überhaupt keine Feier veranstalten sollen. Nun sassen in der absolut leeren grossen Halle in der Berliner Strasse (wo auch F. eingeäschert wurde) nur * Sussmann, Lotte, * Hilde (ein gutmütig plumpes junges Geschöpf mit wulstigen Lippen, verheult und verquollen, auf wenige Tage aus Stockholm gekommen, ohne die * Mutter noch lebend anzutreffen), Änny, * B.s Witwe, * Marta, * Lilly und ich. Und * Jelski, den in diesem Kreis niemand ernst nimmt oder auch nur achtet, sprach ohne Ornat ein paar Worte, übrigens weder taktlos noch schlecht. Vorher und nachher ein paar dürftige Orgeltakte. Der Sarg rutschte fix herunter, die Klappe ging zu wie bei einem Bahnaufzug, nicht einmal das Nachwerfen von ein paar Blümchen als Erdersatz. Vorher und nachher ganz trockene Geschäftsworte eines Beamten. Sussmann? .. Kommt niemand mehr? .. Wer spricht? .. Dann können wir anfangen .. Bitte hier zu unterschreiben n . Ich sah die Uhr über dem Eingang: 18–18,20. Marta und Lilly hatten mich um ½ 4 am Anhalter Bhf. abgeholt, in Ännis Auto; wir waren in ihre kleine hübsche Wohnung, Kudowastr., gefahren. Dort am Roseneck ist ein ganz neues Wohnviertel entstanden. Bei Jelskis wie immer eine gespannte Stimmung. Er will nichts von Politik hören, ich glaube, er sympathisiert noch immer ein wenig mit den Nazis; Marta in äusserster Erbitterung. Marta, Lilli und ich gingen zu Fuss in das ziemlich nahe Crematorium, kamen sehr früh, setzten uns in der Aussenhalle auf eine Bank und plauderten, während eine sehr animierte

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