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Klemperer, Viktor

Klemperer, Viktor

Titel: Klemperer, Viktor Kostenlos Bücher Online Lesen
Autoren: Die Tagebücher
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zwinge ich mich zur Weiterarbeit. Das dritte * Rousseaucap. schleicht weiter.
    Abends lese ich viel vor.
     

 
    24. November, Montag.
    Aus der drückendsten Lage befreite uns das ganz unerwartete und wirklich sehr rührende 500-Mark = Geschenk * Georgs (das ich sofort mit 250 M. bei der Bank belieh). Cf. Georgs Brief vom Okt. und meine Antwort vom 3. Nov. 1 Wir kamen damit aus der Steuernot heraus, wir konnten endlich die Terrasse über der Garage cementieren lassen – letzten Sonnabend hat * Lange bis Mitternacht daran gearbeitet, jetzt sind alle alten Teppiche darüber gedeckt, um den Frost, der Nachts 4 bis 6 Grad erreicht, abzuwehren – wir kauften in Wilsdruff * Evas ersehnte Obstbäume und = Sträucher, wir kauften auch einen Katalytofen für den Wagen und liessen den Bock ein bisschen reparieren – aber viel anzufangen ist doch nicht mit ihm, seine Kolben lassen nach, und zu einer Generalreparatur langt es nun doch nicht. Übrigens halten das Wetter und frühe Dunkelheit vom Fahren zurück. Ausser in Wilsdruff waren wir nur einmal in Dippoldiswalde (ich brachte es in freier Bahn auf 80 km – und ein paarmal in der Stadt. Einmal zu einem Sonntagsvormittag-, Gratis- und Propagandafilm der Aralwerke. Prachtvolle Aufnahmen aus Bergbau und Industrie, Belehrungen, die mich jetzt sehr interessieren, über Verbrennung im Kolben, Prüfstände usw., dazwischen witzige Aufnahmen und Scenen vom Autofahren ( * Leo Peukert 2 als bairischer Bauer und Automobilist).
    In unsere völlige Einsamkeit – auch * Annemarie scheint uns endgiltig aufgegeben zu haben – drang, sehr unerwünscht die * Witwe eines mir ganz unbekannten Breslauer Vetters * Georg Klemperer, eine völlig verschrobene, affektierte, unnatürliche Person. * Ihr Sohn ist als Arzt nach Siam gegangen; si[e] selber dachte daran, sich in Dresden als Klavierlehrerin und Recitatorin niederzulassen. Zum erstenmal habe ich das Régime * Mutschmann wohltätig empfunden; die hiesige Judenschaft ist dezimiert und mehr als dezimiert, und Frau * Erna Kl. wird im Dezember nach Breslau zurückkehren. Aber einmal werden wir sie doch wohl noch bei uns aufnehmen müssen.
    In den finanziell kritischsten Tagen wandte ich mich an * Trude Öhlmann, sie möge mir beim Verkauf etlicher Bücher behilflich sein. Sie nahm sich der Sache mit dem freundschaftlichsten Eifer an. Wirklich bekam ich von * Fock in Leipzig 40 M. für den * Creizenach, 3 dagegen konnte ich mein E[x]emplar des Handbuches der Literaturwissenschaft 4 nicht loswerden. Ein Antiquar bot mir für die 200 und etlichen Hefte (Neuwert 440 M.) 100 M., aber nicht in bar sondern zur Gutschrift bei Bestellungen; er schien mich noch im Amt zu glauben, und ich habe ja früher für die Seminarbibl. dies und das gekauft.
    Immerhin: * Georg hat mir sehr geholfen, ein paar Monate sind wir wieder flott, vielleicht lässt sich sogar die Januarrate der Iduna aufbringen – und wer wird weiterdenken? Ich habe nun doch den Eindruck, als sei der Krieg unvermeidlich; jeder Tag bringt ihn näher, die spanische Angelegenheit kann wohl nicht mehr auf Spanien beschränkt bleiben, wir verfolgen die Nachrichten mit dem verzweifeltsten Interesse und sprechen stundenlang darüber. Aber ich will hier nicht aufschreiben, was ja allgemeine Geschichte ist, das deutsch-italienische Bündnis, 1 das anerkannte * Francoregime, 2 das mit Marokkanern die nationalspanische und europäische Sache vertritt, das noch immer nicht eroberte Madrid, die Spannung mit England usw., usw. Wir haben Geduld gelernt und waren schon ganz hoffnungslos und sind es zur Hälfte noch immer, aber der Krug geht wahrhaftig schon sehr lange zu Wasser und jeden Tag mit einer grösseren (vielleicht desperaten?) Tollkühnheit.
    Zur Sprache des dritten Reichs: Wir müssen die Wissenschaft nationalsoz. ausrichten. – Man muss dem * Führer blindlings Gefolgschaft leisten, BLINDLINGS! – Systematischer Gebrauch der Anführungsstriche als Mittel der Verächtlichung: seit Wochen darf die Zeitung in der spanischen Sache nur noch schreiben Regierung, Kabinett, Minister, wenn von den Roten (milde Fassung) oder den roten Horden die Rede ist. Für Demonstranten heisst es Kundgeber. Indirekt charakteristisch: * Helmut Lehmann, im vierten Jahr Lehrling bei Horch, arbeitet am Auto. So oft er überlegt, ob man eine Schraube aufdrehen, oder eine Düse nachsehen oder auch nur den kleinsten Handgriff machen soll, sagt er nicht: das will ich tun oder versuchen od irgend ein anderes Verbum,

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