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Klemperer, Viktor

Klemperer, Viktor

Titel: Klemperer, Viktor Kostenlos Bücher Online Lesen
Autoren: Die Tagebücher
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Fliegerlager hier ist. Der Februar hat noch 23 Tage, und Michael hat mir noch nie Wort gehalten.
    Den gestrigen Tag – nach langer Pause, und nachdem * Eva buchstäblich tagelang den ganz verschmierten und verfusselten Maschinenraum gereinigt und mit neuem Ventilatorriemen versehen hatte, und nachdem wir vorher mehrfach übelstes Pech gehabt: einmal beim Ausfahrenwollen kochte das Kühlwasser, da war der alte [R]iemen hinüber, einmal nach der Reparatur fe[h]lte das Benzin, der [W]agen stand um ½ 9 in der Göringstr., ich holte in einer Kanne aus der Bienertstr. 5 l., dann ging der Tankverschluss nicht auf, dann waren wir um ½ 11 wieder im Stall, [(]und das hatte ein Kinoabend sein sollen) – nach alledem also wagten wir uns gestern hinaus, meist unter Benutzung des ersten Ganges und mit Gepolter. Immerhin: über mittag wurden viele Besorgungen erledigt: der obligatorische neue []Kraftwagenbrief auf der Amtshauptmannschaft (militärische Bestandsaufnahme?), Öl in der [N]eustadt, der leider notwendige neue Küchen-Gasherd. Und Abends das lange geplante Kino.
    San Francisco 1 .. Penetrant amerikanisch. Blackie, der Besitzer des Variétés Paradies ist ein ganz feiner warmherziger und guter Kerl, nur durchaus atheistisch. Mary, die Tochter des Landpfarrers und ganz bedeutende Sängerin, ist fromm. Sie singt umschichtig im Paradies und in der grossen Oper (einen ganzen kindlichsten * Margareteakt 2 – porte mon âme dans tes cieux!), Songs, San Francisco mit aller Niggerhaftigkeit der Stimme und des Körpers, sie liebt Blackie, aber er ist ein Ungläubiger, und sie singt auch im Kirchenchor – immerhin ist der Geistliche Blackies Freund, bis Blackie seine Mary in einem unschicklichen Kostüm auftreten lassen will, worauf man boxt, immerhin tritt Blackie imS . im Wahlkampf für die gute Sache ein, auch boxend natürlich – aber er ist ungläubig. Dann kommt das grosse Erdbeben, Grauen, Verzweiflung, aber Mary ist gerettet, Blackie spricht ein Dankgebet, und man [k]riegt sich. Dann ist das Feuer in San Fr. erloschen, die Geretteten marschieren in die Stadt zurück; um sie neu aufzubauen und singen John Brown.
     

 
    11. Februar 37, Donnerstag.
    * Emile-Capitel ganz fertig. Ich schrieb an * Wengler, von dem ich Monate lang nichts gehört, ob er mir aus der Seminarbibliothek die kritische Ausgabe der Héloise (und etliches andere) entleihen könne. Er kam am Sonntag Nachm. mit seiner * Schwester her: er wage es nicht, das neue Beamtengesetz sei zu streng ... deutschblütige Menschen ... und so. Es war tapfer, dass er mich überhaupt besuchte. So wird die Abgeschnürtheit jeden Tag schlimmer. * W. erzählte,
    er sei für einen Curs in ein Lager bei Königswusterhausen geschickt worden. Studienräte zwischen 40 u. 50 Jahren. Man schlief zu sechsen, trug Uniform, machte die Erdarbeit und Sport, bekam bildende Vorträge. Ein Studiendirector sprach über den Charakter der Franzosen; sie seien ähnlich wie die Juden, sie hätten keine Liebe zum Tier. Er, Wengler, habe nachher eingeworfen: Aber * James 3 z.B.? Die Kollegen hätten ihm zugestimmt, aber dem Redner habe keiner widersprochen. – – Es werden jetzt Adolf-Hitler = Schulen 4 eingerichtet, reiner NS-Typ. –
     

 
    Don Freitag, 5. März.
    Ich habe eben und endlich die letzte Zeile am Héloisencapitel geschrieben und damit im Manuscript den * Rousseau beendet. Den Rest in die Maschine schreiben, die gesamte Arbeit noch einmal im Zusammenhang durchackern, nimmt bestimmt noch den März in Anspruch; mit dem Studium begann ich Anfang Mai, mit dem Schreiben Anfang September: so hat mich das kleine Buch (eher eine Monographie als ein Capitel) elf Monate gekostet.
    * Wengler schrieb mir dieser Tage, er sei als Lektor zum 1. 4. abgebaut, die T. H. behalte nur noch ein englisches Lektorat.
    * Frau Dember wieder einmal im Lande, wir waren gestern eine Kaffeestunde mit ihr bei * Kussis zusammen (reiche Villa in der Hähnelstr., freundliche Frau; den alten Herren * K. sahen wir zuletzt zusammen mit * Breit bei * * Blumenfelds; beide inzwischen tot.) Die Gespräche mit Frau Dember sind seit Jahren die gleichen – die Zeit steht grausam still. * Eva und ich haben schon ein Grauen davor, mit andern Menschen zusammenzukommen. Hier für uns mit dem Katerchen, bei Arbeit und Vorlesen vergisst man wenigstens auf Stunden, wie die Dinge liegen; im Gespräch mit andern wird alles qualvoll lebendig. Und niemand hat mehr Hoffnung, immer wieder und von allen: wir erleben es

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