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Klemperer, Viktor

Klemperer, Viktor

Titel: Klemperer, Viktor Kostenlos Bücher Online Lesen
Autoren: Die Tagebücher
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Gefühl des Wie lange noch? mitwirkend.
    Spazierfahrten, Einkauf oder ein bisschen ins Freie, nur noch selten. Der Bock soll die erneuerten Gliedmaßen nur langsam einspielen, 100 km. nicht über 40[,] 100 nicht über 45, 100 nicht über 50. Das kommt uns wie geschlichen vor, und bei unserem wenigen Fahren (und dem sehr schlechten Wetter) würgen wir endlos daran.
    Vor einer Woche – wir hatten nach sehr langer Pause * Frau Lehmann hier – krochen wir den ganzen Nachmittag an 100 Kilometern: Meissen, Lommatzsch, Nossen. Besonders die Elbstrecke wunderschön, der Fluss war stark verbreitert. Aber doch sehr ermüdend, öde Vorstadtstrecken (endloses Radebeul!) so langsam durchkullern zu müssen. Einmal waren wir elbaufwärts Pillnitz gegenüber. Gestern, Karfreitag, war die Absicht, nach Altenberg zu fahren; Sturmgeheul und Regenschauer liessen uns in Dippoldiswalde umkehren. Im vorigen Jahr um diese Zeit bedeuteten mir 40 km hohe Fahrt; jetz[t] komme ich mir bei 50 wie gefesselt vor. Meine Sehnsucht: einmal ein paar Wochen weithin durch Deutschland zu fahren, einmal nicht Küche und Haus zu besorgen, einmal nicht an jeden Groschen denken müssen.
    Das Hübscheste am Tag ist das abendliche Vorlesen, wenn – es sind drei Wenns im Spiel: wenn * Eva nicht allzu abgespannt ist und einschläft, während ich lese (sie legt sich oft gleich nach dem Essen hin, und kritischer Punkt ist dann die Viertelstunde, in der ich den Ofen besorge); wenn ich nicht so müde bin, dass ich das Gelesene nicht mehr auffasse, und wenn mir die ewig entzündeten Augen nicht allzuweh tun. Aber sehr oft sind schliesslich diese drei Bedingungen doch ganz oder halbwegs erfüllt.
    Die Strecke der letzten Zeit:
    * Doris Leslie: Catherine Ducrox 1848–1914 (Full Flavour). 1 Hat uns sehr entzückt. * Dickens in Fortentwicklung. Die selbständige Geschäftsleiterin 1866, der Beginn der Cigarettenreklame. Wirklich erzählt. Alles lebt.
    * Frank Thiess Tsushima. 2 Nicht Roman, sondern nach[ n ] Quellen gearbeitet. Das Russische daran sehr gut, der entsetzliche Sumpf, die erste Revolution, die merkwürdige * Dostojewski-Haltung * Nebogatows, 3 der seine Blechtöpfe übergibt und die Schuld auf sich nimmt. Das Japanische ein bisschen übliches Geschwafel von Nationalismus, Religion, Collektivität – mir wird jetzt so leicht übel von derartigem. Ein NICHT-ERWÄHNTES fiel mir besonders auf: es ist von der Revolution 1905 die Rede und von den Anfängen des Bolschewismus, von * Lenin. Alles dies wird eindringlich als rein russische Bewegung geschildert, und nicht mit einem Hauch ist von jüdischem Anteil die Rede, das Wort Jude kommt auf den ganzen 600 Seiten überhaupt nicht vor. Und jetzt ist für das dritte Reich Bolschewismus mit Judentum identisch. Mich wundert beinahe, das Thiess Buch erlaubt ist. Aber das japanische Schlagobers reisst es wohl heraus. – In den Tsushimatagen lag * Eva mit Art Grippe zu Bett; so las ich auch über Tag viel vor, und wir schafften den Wälzer in nur einer Woche.
    * Fontane: Matilde Möhring 4 (zum erstenmal), Irrungen, Wirrungen 5 (nach sehr langen Jahren wieder). Der pessimistische Humor, die Plauderei, das nicht zum eigentlichen Roman Gehörige wunderschön und überraschend frisch. Die Romane selbst, vor allem Irrungen,
    Wirrungen enttäuschen mich. Mir scheint die Moral in I. W. jämmerlich und widersprüchlich. Welcher individuellen oder Gruppenordnung dient Bothos Resignation? Er selbst wird nicht glücklich, und dem Adel dient er auch nicht. Auch ist es nicht wahr, dass er nur Kellner werden müsste, wenn er das Scheinleben des Gardeofficiers aufgäbe. 1875 hätte er mit dem, was er gelernt schon allerhand in USA anfangen können. Da Fontane durchaus und betont den Moralisten herauskehrt, so muss die schiefe Moral seines Buches als schwerer Mangel bezeichnet werden. Ausserdem stört in I. W. die Composition; warum hört das gerade da auf, es könnte früher zuende sein, es könnte noch lange so weiterlaufen. Ausserdem ist doch hier noch vieles romanhaft im alten Sinn und nicht eigentlich realistisch. Die Mö[h]ring ist reifer und straffer gearbeitet, aber hundekalt. Wieder ging mir auf, wie wenig Humor und Optimismus zusammenzustimmen brauchen. – Ich las heute im * Richard M. Meyer 1 den Fontaneabschnitt nach; seine Begeisterung ist nicht mehr ganz zu teilen. Richard M. ist eigentlich: Richard MOSES. Und er spricht so germanisch und redet von der Schlichtheit der Edda! 2 Ich sehe ihn vor mir. 1903 in Berlin,

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