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Köhler, Manfred

Köhler, Manfred

Titel: Köhler, Manfred Kostenlos Bücher Online Lesen
Autoren: Irrtümlich sesshaft
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Leben geworden sein? Er würde sich nach wie vor am Einerlei seines Lebensweges entlang hangeln: jeden Tag um 9.30 Uhr in die Redaktion, Tagesplanung, Material sichten und sortieren, Termine wahrnehmen, sich über Crähenberger ärgern, irgendwelche Werbetexte schreiben, die kaum jemand lesen würde, Seite 2 layouten, Feierabend, irgendein Fertiggericht aus der Gefriertruhe in die Mikrowelle schieben, Fernsehschauen, Jalousien herunterlassen, Licht aus, Jalousien wieder hoch, Frühstück, um 9.30 Uhr in die Redaktion, Material sichten und sortieren, Tagesplanung...; jeden Monatsanfang die neueste regionale Arbeitslosenstatistik; jedes Weihnachten ein Bierkrug aus dem Landratsamt mit den immer gleichen Fest- und Neujahrswünschen, man lässt sich immer wieder aufs Neue von diesen Wünschen berühren, hofft innig auf ein wirklich neues Neues Jahr und quält sich doch weiter durch den altenbekannten trübselig-seligen Ringelpiez. Irgendwann eine Urkunde für 25jährige Betriebszugehörigkeit, ein Foto in der Zeitung, schließlich die übliche Rundschau-Pensionierung mit Wurstschnittchen und Aldi-Sekt und einer vergoldeten Armbanduhr als Abschiedsgeschenk.
    Nicht absichtlich, aber doch wie zum Trotz klingelte er am nächsten Tag mit zehn Minuten Verspätung am Portal zum Zweifamilienhaus der Leonheimer-Sippe. Patrick öffnete ihm, der Star persönlich. Er vertrieb ihm rasch sein Vorurteil vom untalentierten, allein durch Erwachsenenehrgeiz beförderten Möchtegern-Artisten. Wie er redete und sich gab, hatte Lothar Sahm Hoffnung auf einen Artikel jenseits wohlzurechtgelegter Image-Schwafeleien. Nur war da halt auch noch und vor allem der Onkel.
    „Sie sehen, Herr Sahm, unser Pati Leon hat sich ganz schön herausgemacht. Es wäre reizend, wenn das in ihrem Artikel rüberkäme, die Leute denken ja immer noch an das kleine, putzige Bübchen, wenn sie seinen Namen hören, aber er ist inzwischen ein strammer Bursche und bei den jungen Damen sehr begehrt. Ich habe hier schon mal einen Artikel vorbereitet, um Ihnen die Arbeit zu erleichtern. Da haben Sie außerdem das Konzept von Patis Sendung, seinen Lebenslauf, hier ein paar Fotos, ein paar Pressestimmen zu seiner letzten, großen Tournee und seine Internet-Adresse, ich denke, mehr brauchen Sie nicht. Oder ist das nicht genug Material für eine ganze Seite? Sie können ja die Bilder schön groß machen, das hier zum Beispiel, aber ich will Ihnen nicht vorgreifen, schließlich sind Sie der Journalist. Wenn Sie wollen, können wir uns jetzt die Filmaufnahmen anschauen.“
    Lothar Sahm warf einen kurzen Blick in die aufgeblähte Pressemappe.
    „Pati, holst du schon mal die DVD?“
    „Herr Leonheimer, wenn es Ihnen nichts ausmacht, dann würde ich mich lieber ein bisschen mit Patrick unterhalten.“
    „Aber gern, fragen Sie ruhig!“
    Er wandte sich dem jungen Mann zu.
    „Mich würde vor allem interessieren, wie es dazu kam, dass Ihnen die Moderation einer Zirkusshow angeboten wurde, wie das hinter den Kulissen zuging. Und was Sie alles für die neue Aufgabe lernen mussten.“
    „Also, Herr Sahm, das war so...“, begann der Onkel seine Antwort. Der Neffe verzog ganz leicht den Mund, wollte den Blick senken, sah sich aber durch Lothar Sahms unverändert ihm zugewandte Aufmerksamkeit ermutigt.
    „Onkel Herbert, er hat doch mich gefragt.“
    Der Onkel riss die Augen auf und verstummte. Patrick antwortete. Der Redakteur stellte seine nächste Frage, es ergab sich ein Gespräch, das den Onkel ausschloss. Nach fünf Minuten verließ er mit einem beleidigten Grunzen den Raum, und Lothar Sahm kam dazu, das Interview so zu führen, wie er sich das vorgestellt hatte. Er lernte einen jungen Artisten und Moderator kennen, der nichts zu tun hatte mit dem Fantasiewesen Pati Leon, nichts mit dem armen, verhunzten, im eigenen Willen gebrochenen Geschöpf, als das er ihn hatte sehen wollen, und auch nichts mit der erwachsenen Ausgabe des Rad schlagenden Kinderstars. Sein Gesprächspartner erwies sich, trotz aller Formgebungsversuche, die er für bestimmend gehalten hatte, als aus sich selbst heraus zu einer einzigartigen Persönlichkeit gereift. Durch Druck des Onkels, ohne Zweifel, aber offenbar vor allem durch eigenes, stetes Bemühen war er in seinen jetzigen Beruf hineingewachsen, schien sich wohl zu fühlen, schien nichts zu bereuen und auch dem Onkel die verlorene Kindheit nicht nachzutragen. Ganz nüchtern betrachtet, hatte er den Preis bezahlt, von seinen Schulkameraden

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