Koenigsmoerder
Friedens dieses Königreichs willen vor einer rigoroseren Vergeltung für Eure Taten verschont bleibt.«
Gar starrte auf die zweite Pergamentrolle, und für einen letzten verrückten Augenblick erwog er es, ihnen zu trotzen. Erwog es, Conroyd in das hübsche, hassenswerte Gesicht zu spucken und sich und Asher Barls Barmherzigkeit zu überantworten. Der Liebe der Menschen seines Königreichs zu überantworten, Doranen wie Olken. Ihrer Vergebung seiner Schwäche, seines Versagens als Magier, seiner Verzweiflung als König.
Irgendwie las Conroyd seine Gedanken. »Sie würden Euch vielleicht ‐ vielleicht ‐
vergeben, Junge. Asher werden sie niemals vergeben. Er ist bereits tot. Er war in dem Augenblick tot, als Ihr ihn dazu überredet habt, Barls erstem Gesetz zu trotzen. Und wenn Ihr ehrlich seid, wenn Ihr überhaupt der Ehrlichkeit fähig seid, wisst Ihr, dass ich die Wahrheit spreche.«
Plötzlich verspürte er ein seltsames Gefühl, als zerbreche etwas in ihm, als seien seine Knochen aus Glas, während Conroyds Worte Hämmer waren, die zuschlugen. Er nickte. »Ja. Ich weiß.«
In der Schreibtischschublade befanden sich eine Feder und Tinte. Er holte sie hervor und unterzeichnete die Proklamationen. Schrieb bedächtig und mit ruhiger Hand und benutzte all seine Namen und Titel. Gar Antyn Bartolomew Dannison Torvig, Abkömmling des Hauses Torvig, Verteidiger des Hauses Torvig, Wettermacher von Lur. Verräter... Betrüger... und Brecher von Eiden ...
»Vergesst Euer persönliches Siegel nicht«, drängte Conroyd ihn. »Das i-Tüpfelchen, sozusagen.«
In einer anderen Schublade lag eine Stange Siegellack. Conroyd schmolz ihn mit einem einzigen Wort und lächelte ein klein wenig.
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Gar drückte seinen Siegelring in jeden blutroten Teich und vollendete seinen Akt des Verrats. Es war, als hätte die Hand eines Fremden die Tat verübt.
Conroyd nahm die unterzeichneten Proklamationen an sich und rollte sie schnell zusammen. »Was den Rest betrifft...«
»Rest?«, wiederholte Gar schwach. »Welchen Rest?«
»Meine Erhebung auf den Thron. Ich habe eine Krisensitzung des Großrats einberufen, bei der Ihr Eure Abdankung und Euren Rückzug aus dem öffentlichen Leben verkünden werdet. Ihr werdet mich zu Eurem gesetzmäßigen Erben erklären. Zu Lurs neuem König und Wettermacher. Dann werdet Ihr in diesen Turm zurückkehren und das Gelände nicht verlassen, bis ich Euch die Erlaubnis dazu gebe.«
Dies war ein Traum, es musste ein Traum sein. »Heute? Ihr wollt, dass ich heute abdanke?«
Conroyd zog goldbestickte Handschuhe über. »Warum das Unvermeidliche hinausschieben? Ohne Magie könnt Ihr nicht König sein. Und Lur braucht seinen Wettermacher. Allein Barl weiß, welchen Schaden diese Kreatur angerichtet hat, die mit Eurer Erlaubnis an der Mauer herumgepfuscht hat.«
»Asher hat keinen Schaden angerichtet.«
Conroyd lachte höhnisch. »Woher wollt Ihr das wissen? Ihr seid ein magieloser Krüppel.«
Gar zuckte zusammen. Spürte zersetzenden Selbsthass wie Säure. Sein Vater hätte sich niemals so demütig unterworfen. Er musste weiterkämpfen...
Er zwang sich aufzustehen. »Nach allem, was Ihr wisst, könnte es eine Heilung für mich geben, Conroyd. Ich verlange eine Beratung mit Pother Nix. Ich verlange...«
»Nichts«, sagte Conroyd. »Nicht jetzt, nicht irgendwann später. Außerdem gibt es keine Heilung. Und nun zur Auflösung Eures Haushalts.«
»Auflösung? Was habt Ihr...«
Conroyd beachtete ihn nicht. »Entsprechend Eurer verringerten Rolle im Königreich und um die Belastung der königlichen Börse möglichst gering zu halten, wird der Mehrheit Eures Personals eine
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neue Stellung zugewiesen. Nur Darran wird zurückbleiben, um sich um Eure bescheidenen täglichen Bedürfnisse zu kümmern. Ich hoffe, er kann kochen. Und putzen.«
»Ein einziger Mann?«, fragte Gar ungläubig. »Der den ganzen Turm in Ordnung hält? Darran ist schon sehr betagt und seit kurzem gebrechlich! Ihr könnt nicht von ihm erwarten...«
»Doch, ich kann«, erwiderte Conroyd lächelnd. »Ich tue es. Vielleicht könntet Ihr in kleinen Dingen Hand anlegen? Barl weiß, die Zeit dazu werdet Ihr haben.«
»Conroyd«, murmelte Holze missbilligend. Er stand daneben. Tat nichts, nichts, um dies aufzuhalten.
Ungeachtet seines Widerspruchs fuhr Conroyd fort: »Eure Ställe werden natürlich geräumt werden; Pferde und Ausrüstung werden verkauft.«
Ein frischer Schmerz durchzuckte ihn. »Verkauft? Ballodair? Nein! Er war
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