Koenigsmoerder
Schweigens besitzen«, fiel er ihm ins Wort.
Solchermaßen vor den Kopf gestoßen, wandte Sorvold sich an den Krüppel.
»Eure Majestät, wenn ich Euch um ein kurzes Wort unter vier Augen bitten dürfte?«
»Das dürft Ihr nicht«, sagte Morg, bevor der Krüppel antworten konnte. »Ruft den Rat zur Ordnung, Payne. Wir sind alle vielbeschäftigte Männer.«
Als Sorvold sich gekränkt zurückzog, sagte der Krüppel: »Ich wäre Euch dankbar, wenn Ihr noch nicht für mich sprechen würdet. Noch bin ich hier der König, Conroyd.«
Er lächelte. »So eifersüchtig hütet Ihr Euren kurzlebigen Rang, kleiner Kümmerling?«
Dann überließ Morg es dem Krüppel, zum Podest des Sprechers zu gehen, und gesellte sich zu Holze. Der Barlsmann richtete sich auf, als er näher trat. Sein Gesicht war hohl. Von Sorge gezeichnet. Zweifellos war er direkt hierhergekommen, nachdem er sich um die Riten an Durms Leichnam gekümmert hatte. Der Ausdruck in seinen Augen und die Art, wie er die Hände auf dem Schoß fest umeinandergeschlungen hielt, verrieten Trauer. Ein so sinnloses Gefühl.
»Conroyd.«
»Efrim.«
Direkt unter ihnen griff Sorvold nach seinem kleinen Hammer und schlug damit gegen die Versammlungsglocke. Alle verstohlenen Gespräche im Raum verebbten. Die Männer und Frauen, die noch standen, nahmen ihre Plätze ein.
Die Atmosphäre unterdrückten Grauens und wachsamer Neugier verstärkte sich.
Nachdem Stille eingekehrt war, schlug Sorvold noch dreimal gegen die Versammlungsglocke. Er nickte der jungen Frau zu, die als Sekretärin fungierte, damit sie den Aufzeichnungszauber für die Versammlung auslöste, dann räusperte er sich.
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»Kraft der mir als Sprecher verliehenen Autorität erkläre ich diese Versammlung für eröffnet. Möge Barls Barmherzigkeit mit uns sein, möge ihre Weisheit uns leiten, ihre Stärke uns stützen. Wenn ich jetzt um Schweigen bitten darf, wird Seine Majestät zu diesem erhabenen Gremium sprechen.«
»Vielen Dank, Lord Sorvold«, sagte der Krüppel. Auch sein Gesicht war hohl und wirkte noch bleicher durch die schwarzen Roben, die er noch immer zu Ehren dieser toten Narren, seiner Familie, und dem dankenswerterweise verblichenen Durm trug. »Meine geschätzten Ratgeber, ich erscheine heute mit schwerem Herzen vor Euch und bringe eine Kunde, von der ich weiß, dass sie Euch nicht willkommen sein wird, ebenso wenig wie sie mir willkommen ist.
Aber ich vertraue auf Eure Selbstbeherrschung und auf Eure Fähigkeit, Barls Willen zu akzeptieren ‐ wie schwer es auch fallen mag.«
Nun, er hatte gewiss ihre Aufmerksamkeit erregt. Morg, dem ein gutes Theaterstück lange verwehrt geblieben war, lehnte sich zurück und schickte sich an, sich zu amüsieren.
»Zunächst einmal«, fuhr der Krüppel, dessen Hände vor ihm auf dem Sprecherspult lagen, fort, »ist es meine traurige Pflicht, Euch darüber in Kenntnis zu setzen, dass Meistermagier Durm aus dem Leben geschieden und in Barls Barmherzigkeit eingetreten ist. Ich bitte um eine Schweigeminute zu Ehren seiner Größe, zu Ehren eines Lebens, das ganz im Dienste unseres Königreichs stand.«
Die Minute verstrich ermüdend langsam.
»Danke«, sprach der Krüppel weiter. »Über sein Leben und seine Hingabe wird zu gegebener Zeit mehr gesagt werden. Darüber hinaus muss ich Euch mitteilen, dass ich aufgrund unbehebbarer gesundheitlicher Schwierigkeiten auf den Thron des Königreichs verzichte und mich auf unbegrenzte Zeit aus dem öffentlichen Leben zurückziehe. Ferner möchte ich bekannt geben, dass ich meinen gesetzmäßigen Erben und Nachfolger erwählt habe, Lurs neuen König und Wettermacher: Lord Conroyd Jarralt.«
Aufruhr. Schreie. Klagen. Schock und eine aufbrandende Woge von doranischen wie olkischen Stimmen: »Nein! Nein! Das akzeptieren wir nicht! Ihr seid unser König!«
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Der Krüppel ließ sie für kurze Zeit ungehindert weiterlamentieren, dann nickte er Sorvold zu, der wieder an seine kleine Glocke schlug. Allmählich legte sich das Chaos.
»Brave Männer und Frauen«, sagte der Krüppel, die Hände zu einer bittenden Geste erhoben. »Ich kann Euch nicht länger als Euer König dienen. Die Magie, die so spät in meiner Brust erblüht ist, ist verwelkt und gestorben. Im Gedenken an die Liebe, die Ihr meinem verstorbenen und so sehr betrauerten Vater erwiesen habt ‐ die Ihr mir in seinem Gedenken erwiesen habt ‐, bitte ich Euch inständig, diese Entscheidung klaglos anzunehmen und Eure Ergebenheit auf König Conroyd
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