Kriegsklingen (First Law - Band 1)
Ich habe ihn. Ich …
Um eines der dicken Beine des Schranks war ein Seil geschlungen. Glokta folgte ihm mit den Augen, wie es sich über den Boden schlängelte. Das andere Ende lag dem Magister um den Hals.
Ah. Also hat er doch noch einen Fluchtweg offen.
»Inquisitor Glokta!« Kault stieß ein quietschendes, nervöses Lachen aus. »Welch eine Freude, Sie endlich kennen zu lernen! Ich habe schon so viel von Ihren Untersuchungen gehört!« Seine Finger zupften am Knoten des Seils und überprüften, ob er sorgfältig genug gebunden war.
»Ist Ihnen der Kragen zu eng, Magister? Vielleicht sollten Sie ihn ablegen.«
Wieder quietschte der Kaufmann vergnügt. »O nein, das denke ich nicht. Ich beabsichtige nicht, Ihre Fragen zu beantworten, vielen Dank!« Aus dem Augenwinkel sah Glokta, wie sich eine Nebentür öffnete. Eine große weiße Hand war zu sehen, deren Finger sich langsam um den Türrahmen schlossen.
Frost. Dann haben wir doch noch Hoffnung, ihn zu erwischen. Ich muss ihn weiter in ein Gespräch verwickeln.
»Es gibt keine Fragen mehr zu beantworten. Wir wissen schon alles.«
»Tatsächlich?«, kicherte der Magister. Der Albino schob sich geräuschlos ins Zimmer und hielt sich in den Schatten nahe an der Wand, durch den riesigen Schrank vor Kaults Augen verborgen.
»Wir wissen über Kalyne Bescheid. Über Ihre kleine Vereinbarung.«
»Sie Schwachkopf! Wir hatten keine Vereinbarung! Er war viel zu ehrbar, um sich kaufen zu lassen! Er hat nie auch nur eine Mark von mir angenommen!«
Wie ist dann …
Kault lächelte ein kränkliches kleines Lächeln. »Sults Sekretär«, sagte er und kicherte wieder. »Direkt unter seiner Nase, und auch unter Ihrer, Sie Krüppel!«
Ich Narr, ich Narr – der Sekretär hat die Papiere übergeben, er sah das Geständnis, er wusste alles!
Ich habe dem dreckigen Speichellecker ohnehin nie getraut. Kalyne war dann also loyal.
Glokta zuckte die Achseln. »Wir machen alle Fehler.«
Der Magister verzog verächtlich den Mund. »Fehler? Sonst haben Sie gar nichts gemacht, Sie Volltrottel! Die Welt ist ganz und gar nicht so, wie Sie glauben! Sie wissen nicht einmal, auf welcher Seite Sie stehen – Sie wissen ja noch nicht einmal, welche Seiten es gibt!«
»Ich bin auf der Seite des Königs und Sie nicht. Mehr muss ich gar nicht wissen.« Frost hatte es bis an den Schrank geschafft und drängte sich dagegen. Die rosa Augen waren zusammengekniffen, er versuchte, um die Ecke zu sehen, ohne selbst gesehen zu werden.
Nur noch ein bisschen länger, noch ein bisschen weiter …
»Sie wissen gar nichts, Krüppel! Ein paar Steuermauscheleien, ein paar kleine Bestechungsgeschichten, mehr haben wir uns nicht zuschulden kommen lassen!«
»Und die kleine Sache mit den neun Morden.«
»Wir hatten keine Wahl!«, kreischte Kault. »Wir hatten nie irgendeine Wahl! Wir mussten die Banken bezahlen! Sie haben uns Geld geliehen, und wir mussten zahlen! Jahrelang haben wir an sie gezahlt! An Valint und Balk, diese Blutsauger! Wir haben ihnen alles gegeben, aber sie wollten immer noch mehr!«
Valint und Balk? Banken?
Glokta ließ den Blick über die überzogene Prachtentfaltung im Zimmer schweifen. »Es scheint, als hätten Sie den Kopf ganz gut über Wasser halten können.«
»Es scheint, es scheint! Nichts als Staub! Nichts als Lügen! Das gehört alles den Banken! Die haben uns in der Tasche! Wir schulden ihnen Tausende, Millionen!« Kault kicherte in sich hinein. »Aber ich nehme an, jetzt werden sie wohl nichts mehr kriegen, was?«
»Nein, ich denke nicht.«
Kault beugte sich über den Tisch, sodass das Seil über die lederbespannte Platte streifte. »Sie wollen Verbrecher fangen Glokta? Sie wollen Verräter? Feinde von König und Staat? Sehen Sie sich im Geschlossenen Rat um. Im Haus der Befragungen. In der Universität. Bei den Banken, Glokta!« Nun sah er Frost, der sich keine vier Schritte entfernt um den Schrank herumschob. Seine Augen weiteten sich und er sprang von seinem Stuhl auf.
»Schnappen Sie ihn!«, schrie Glokta. Frost sprang nach vorn, reckte sich über den Tisch und erwischte den äußersten Saum von Kaults Amtsgewand, als der Magister herumwirbelte und gegen das Fenster sprang.
Wir haben ihn!
Ein entsetzliches, leises Geräusch reißenden Stoffs war zu hören, als das Gewand in Frosts Faust nachgab. Einen Augenblick lang wirkte Kault wie erstarrt in der Luft, während all das teure Glas um ihn herum in Stücke zersprang und Scherben und Splitter durch die Luft segelten.
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