Kristall der Macht
flussaufwärts lag. Nur, was wollten sie dort?
Für einen Moment war Kavan geneigt, den Männern zu folgen, musste aber einsehen, dass er sie in dem dichten Nebel nur schwerlich finden würde. Wenn er wissen wollte, was hier vor sich ging, musste er wohl oder übel warten, bis sie zurückkehrten.
Und er war nicht allein.
»Angst?«, hörte er die schon vertraute männliche Stimme flüstern.
»Nur davor, dass man sie entdeckt, ehe ich den Zauber weben kann«, antwortete eine sehr junge und helle Stimme.
Eine Frau? Kavan traute seine Ohren nicht. Und dazu eine, die zaubern konnte? In Baha-Uddin musste sich in den Monaten seiner Abwesenheit einiges verändert haben. Magie war etwas, das weder den Rakschun noch seinem Vater in dem langen Krieg bisher zur Verfügung gestanden hatte. Doch wie es schien, hatte sich das geändert.
Kavan entschloss sich zu handeln. Die beiden waren allem Anschein nach allein. Die Gelegenheit war günstig. Leise pirschte er durch den Nebel auf das Boot zu. Auf keinen Fall durfte es ohne ihn ablegen
»Hörst du das?« Die Frau flüsterte so leise, dass Kavan es kaum verstehen konnte.
»Was?«
»Schritte. Da kommt jemand.«
Kavan blieb stehen.
»Jetzt ist es weg.«
»Ich habe nichts gehört.«
Ich muss etwas sagen. Prinz Kavans Herz raste. Er war seinem Ziel so nah. Nur noch wenige Schritte trennten ihn von dem Boot.
»Da ist es wieder!« Furcht schwang in der Stimme der Frau mit.
Jemand fluchte und zischte: »Komm heraus und zeig dich, Feigling. Wir wissen, dass du da bist.«
Kavan nahm allen Mut zusammen. Wenn er in seine Heimat zurückkehren wollte, hatte er keine Wahl. Er musste sich zu erkennen geben. »Ich bin ein Freun…« Weiter kam er nicht. Etwas sirrte heran und bohrte sich mit einem dumpfen Schlag unmittelbar vor seinen Füßen in den Boden. Kavan wich erschrocken zurück, da sirrte auch schon der nächste Pfeil heran und verfehlte ihn nur um Haaresbreite. Er zitterte und spürte Panik in sich aufsteigen. Er wollte nicht sterben. Nicht hier, nicht so und schon gar nicht von der Hand eines Freundes. Kurz entschlossen wirbelte er herum und stolperte davon, aber der Mann aus dem Boot war schneller. Kavan sah gerade noch, wie sich etwas Langes und Dunkles durch den Nebel unaufhaltsam auf ihn herabsenkte. Dann spürte er einen Schlag am Kopf und danach gar nichts mehr …
7
»War das ein Wachtposten?« Noelani schaute Fürst Rivanon besorgt entgegen, als dieser mit einem Ruder in der Hand zum Boot zurückkehrte.
»Nein.« Rivanon schüttelte den Kopf. »Der Kleidung nach zu urteilen ein Sklave. Vielleicht ist er geflohen und wollte uns um Hilfe bitten. Aber da hat er sich leider den falschen Augenblick ausgesucht.«
»Ist er … tot?«
»Noch nicht.« Rivanon kam zum Boot zurück, legte das Ruder fort, griff nach einem langen Messer und sagte grimmig: »Aber gleich.«
»Nein.« Noelani griff nach der Hand, die das Messer umfasste und hielt sie fest. »Keine Toten!«, sagte sie bestimmt. »Nicht einen einzigen!«
»Und wenn er uns verrät?«
»Ist er besinnungslos?«
»Ja.«
»Dann sollten wir uns darüber keine Sorgen machen«, sagte Noelani leise. »Ehe er erwacht, ist alles vorbei.«
»Da wäre ich mir nicht so sicher.« Rivanon schien mit Noelanis Haltung nicht einverstanden zu sein. Er zögerte, dann legte er das Messer fort, nahm stattdessen ein Seil zur Hand und löste den Schal, den er um den Hals trug.
»Was hast du vor?«, fragte Noelani, die sich immer noch um den Sklaven sorgte.
»Ich werde ihn fesseln und knebeln – für alle Fälle.« Ohne eine Antwort abzuwarten, verschwand der Fürst im Nebel.
Fast zeitgleich mit dem ersten der fünf Krieger, die die Kristalle rings um die Flöße und Waffenlager in Stellung bringen sollten, kehrte er zurück.
»Gab es Schwierigkeiten?«, erkundigte er sich im Flüsterton bei dem Krieger.
»Nein.« Der Krieger schüttelte den Kopf. »Bis auf ein paar Wachen, die vor den Zelten vor sich hin dösen, scheinen alle zu schlafen.«
Auf dem steinigen Untergrund waren schnelle Schritte zu hören. Gleich darauf trat ein weiterer Krieger aus dem Nebel. »Auftrag ausgeführt!«, berichtete er um Atem ringend, setzte sich zu seinem Kameraden ins Boot und wartete.
Es dauerte lange, bis der dritte Krieger zurückkehrte. Noelanis Unruhe war mit jeder Minute, die verstrich, weiter angestiegen, und sie war froh, endlich wieder Schritte zu hören. Der Mann wirkte erschöpft.
»Im Lager ist alles ruhig«, wusste er zu
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