Kristall der Träume
daniederlag. Zu Amelias neuen religiösen Pflichten gehörte der Bikur Cholim, der Krankenbesuch, den sie indes weniger als Pflicht denn als Liebesdienst ansah. Sie fühlte sich Phoebe mittlerweile wie einer Schwester verbunden.
Amelia war in ihrem Glauben noch nicht so gefestigt wie Rahel.
Es gab immer noch eine Menge Dinge, die sie verwirrten, über die sie nachdenken musste. Die Vorstellung vom allwissenden, aber unsichtbaren Gott zum Beispiel. Es gab keine Statuen oder Bilder von ihm. Amelia hatte noch nie zu einem Geist gebetet. Ihr blauer Kristall half ihr dabei, denn in seinem Inneren sah sie das Bild des gekreuzigten Erlösers. Andere Mitglieder der Hauskirche behalfen sich ebenfalls mit Abbildern, weil sie auf Symbole nicht verzichten mochten. Gaspar zum Beispiel betete vor seiner Statue des Dionysius, der selbst ein gekreuzigter Erlösergott war; Japheth trug weiterhin sein altes Hermeskreuz; und ein Neuankömmling aus Babylon, der einst zu Tammuz dem Schäfer gebetet hatte, hatte in Raheis Garten ein kleines Wandbild mit Jesus als Schäfer mit einem Lamm auf der Schulter gemalt. Es war für Amelia auch schwierig zu akzeptieren, dass es nur einen Gott und keine Göttin gab. Bestand die Natur denn nicht aus Mann und Frau? Und so, wie die Heidenchristen immer noch zu Isis beteten, bewahrte Amelia sich ihren Glauben an Juno. Es gab noch andere Glaubensgrundsätze, mit denen sie ihre Schwierigkeiten hatte, aber über eines war sie sich ganz im Klaren: dass Jesus ihr ihre Sünden vergeben hatte und dass sie ein neues Leben erwartete.
»Amelia«, wiederholte Cornelius ungeduldig. »Was ist das?«
»Guten Morgen, Cornelius«, sagte sie, ohne sich umzudrehen.
»Ich möchte wissen, was das hier ist.«
»Eine interessante Sache mit den Rosen«, fuhr Amelia unbekümmert fort. »Wie man mir sagte, müssen die verwelkten Blüten abgeschnitten werden, damit die Pflanze neue Knospen treibt.
Das trifft aber nicht auf alle Rosen zu. Wusstest du das? Es gibt Pflanzen, die nur einmal blühen, da hilft es auch nicht, wenn man die welken Blüten abschneidet. Bei anderen aber, wie bei der Teerose hier, setzt eine neue Blüte ein, sobald die welken Blüten abgeschnitten sind.«
»Amelia«, sagte Cornelius gereizt. »Sieh mich an, wenn ich mit dir rede.«
Als sie sich zu ihm umdrehte, fiel sein Blick auf den Anhänger an ihrem Hals, der in der Sonne blaue Funken sprühte. Sie trug die Halskette über ihrer Tunika.
»Was ist das hier?« Er schwenkte etwas in der Hand. »Das sieht wie eine Schriftrolle aus, Cornelius.«
»Es ist eine Aufstellung über kassierte Mieten aus dem Wohnungsblock im Zehnten Distrikt. Besser gesagt, nicht kassierte Mieten. Du hast die Mieter nicht unter Druck gesetzt. Warum?«
»Weil sie nicht zahlen können. Es sind Mütter mit Kindern ohne Ernährer. Es sind Freigelassene ohne Arbeit. Es sind Kranke und Alte. Sie können die Miete nicht aufbringen.«
»Das ist nicht unser Problem. Ich wünsche, dass diese Mieten auf der Stelle kassiert werden.«
»Der Wohnblock gehört mir, Cornelius. Ich entscheide über die Mieten.«
Ihre Worte, ihr Ton, ließen ihn einen Moment lang verstummen.
Schließlich sagte er: »Du hast noch nie Geschäftssinn besessen, Amelia. Ich werde Philo mit einer Wache hinschicken, damit er die Mieten kassiert.«
»Das Gebäude gehört mir«, erklärte Amelia noch einmal freundlich, aber bestimmt. »Mein Vater hat es mir vererbt. Ich bin die rechtmäßige Eigentümerin. Und ich bestimme, wer Miete bezahlt und wer nicht.«
»Ist dir klar, wie viel Geld wir dabei verlieren?« Sie ließ den Blick über seine penibel gefaltete weiße Toga mit den Purpurstreifen wandern. »Du siehst nicht gerade aus, als ob du deswegen hungern müsstest.«
In seinem Gesicht zuckte es. »Na schön«, erklärte er und schlug mit der Schriftrolle auf seine Handfläche, wie um seine Worte zu unterstreichen. »Dann werde ich die Mieten persönlich kassieren.«
Cornelius benötigte einen Monat, um den verängstigten Mietern mit Hilfe kräftiger Wachen die exorbitanten Mieten abzupressen, Amelia brauchte einen Nachmittag, um sie zurückzugeben. »Alle unsere Freunde reden darüber, Amelia. Du hast mich in aller Öffentlichkeit lächerlich gemacht.« Sie befanden sich wieder im Garten. Cornelius war erzürnt.
»Cornelius«, begann Amelia in dem Ton, den sie oft beim zehnjährigen Lucius anschlug. »Ich habe dir doch gesagt, dass ich von diesen Leuten keine Miete kassiere. Nicht bis ihre
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