Lehmann, Christine
»heißt die Lösung Schwarmintelligenz!«
»Hier geht es nicht um Fische«, antwortete Zippora ungehalten, »die sich vor Haien in Sicherheit bringen, indem sie sich zusammenballen. Es geht auch nicht um Massenströme nach Popkonzerten oder darum, dass wir das Gewicht des Mondes schätzen. Zudem sind zwanzig Menschen kein Schwarm .«
Aber es geht um Ameisen, dachte ich, weil ich immer alles Unmögliche zusammenwarf.
Ich war müde, müder als tot. Meine Gedanken rutsc h ten mir weg in den Zeitraffer von Traumsequenzen. Der rote Hintern. Richards Mondsehnsucht. Die Doppelbrille von Cecilie Rees, ihr Nostradamus-Geflüster und chin e sische Legenden. Der Bronzeschuh im Ratsloch. »In Wangen bleibt man hangen.« Wieso eigentlich? Weil eine Wette zwischen dem Niederwan gener Gunter Ma u cher und dem Wangener Torsten Veith in der sechsten Klasse des Rupert-Neß-Gymnasiums Auswirkungen auf den Mond hatte. »Ich werde Astronaut und heirate die Frau im Mond.« Yanqiu, die Mondgöttin Chang ’ e, zur ewigen Einsamkeit auf dem Mond verdammt, zusammen mit dem Hasen, den die Chinesen in den Mondflecken sahen, und dem verdammten alten Kuppler. Wir als Ve r suchskaninchen.
Ich schreckte aus meiner Halbtrance und konnte ger a de noch die Erinnerung an mich reißen, dass mich Cec i lies Legendengemurmel damals in der Bibliothek von Schloss Ratzenried ebenfalls an den Rand des Sekunde n schlafs gebracht hatte.
Die göttliche Yanqiu saß zwischen Tamara und mir am Tisch und hatte ihre dunklen Augen unverwandt auf Butcher gerichtet, dessen Tic unter dem linken Auge R u he hielt, jetzt wo seine Lage brenzlig geworden war, weil die Zivilisten seine Autorität infrage stellten. Seine B e fehlsgewalt sowieso.
»Lady Cyborg, oder wie sie heißt, hat recht!«, schrie Morten. »Stanislaw Lern hat uns die Geschichte doch schon erzählt, nicht wahr, Krzysztof? Ein Kriegsrau m schiff, genannt der Unbesiegbare, landet auf einem Pl a neten, auf dem ein Schwesternschiff verschollen ist. Die Crew scheint kampflos gestorben zu sein. Aber woran? Dann zeigt sich: Der Planet wird von Myriaden fliege n der Roboter-Ameisen bevölkert. Bei Bedrohung schli e ßen sie sich zu einer Wolke zusammen und legen mithi l fe starker Magnetkräfte Computer und Gehirne lahm. Ein Feind, den ein großes Kriegsschiff nicht besiegen kann.«
Ich sah Van Sung lächeln. Er hatte die Ameisen die Unbesiegbaren genannt. Beide, Torsten Veith und R a kesh Chaturvedi, hatten Insektenstiche aufgewiesen. G e nauso wie Van Sung. Nur dass er noch lebte …
Ich riss die Augen auf. Ich befand mich wieder im Bi olab.
Mit leisem Klirren wechselte Tupac die Objektträger unter dem Objektiv des Mikroskops.
»Und?«, erkundigte ich mich.
Er blickte zu Van Sung und mir herüber. »Na, ausg e schlafen?«
»Nein. Und? Sag schon, Tupac!«
Ein kleines Lächeln spielte auf seinen Lippen. »Nichts.«
»Du hattest recht«, sagte Van Sung.
Das weckte mich nachhaltig. »Wirklich?«
Aber ich musste doch erst rekonstruieren. Richtig! Wir hatten nach der Konferenz in der Cupola noch etwas au s gemacht. Und zwar ohne uns darauf verständigt zu h a ben. Wir hatten die Vagheit der Sprache benutzt und nichts ausgesprochen, was von denen, die womöglich mithörten, hätte unmittelbar verstanden werden können. Auch unsere Ermittlungen hatten sich wie von selbst o r ganisiert, nachdem Butcher die Konferenz aufgehoben und das Feld geräumt hatte, vielleicht sogar wissend und billigend, was wir tun würden.
Zippora und Artjom waren geblieben und hatten, in Ermangelung anderer williger Gesprächspartner, mit d e nen geredet, mit denen sie auch sonst am meisten zu tun hatten, mit Tamara und David. Sergei hatte sich zu Go n zo gestellt, und Krzysztof hatte eine Weile zwischen a l len Tischen herumgestanden und sich dann zu Bob und Fred gesetzt.
»Vielleicht unsere letzte Nacht«, hatte Eclipse gerufen und Whiskey nachgeschüttet. »Prost, Mohamed!« Der Saudi-Araber hatte ordentlich mitgebechert. Während Morten und Gonzo in seltener Einigkeit zusammen mit Krzysztof und Fred auf Bob einredeten, damit er begriff, dass Ungehorsam unter Umständen eine Heldentat sein konnte, auch wenn der Befehlshaber ein Amerikaner war und kein Kommunist, hatte ich unter der Decke des Stimmengemurmels Tupac gefragt, ob er unser Blut auf Cyanobakterien testen könne, und zwar so, dass es Wim nicht mitbekam. Wie auch immer Tupac es organisiert hatte, ohne dass Big Brother aus den Bewegungen der Transponder-Uhren
Weitere Kostenlose Bücher