Lehmann, Christine
Verdacht schöpfte, im Ergebnis hatte er von fast allen Blutproben auf Objektträger gestrichen. Und offenbar hatte er keine Cyanobakterien gesichtet.
»Irrtum ausgeschlossen?«, vergewisserte ich mich.
Tupac schüttelte den Kopf. »Irren kann man sich im mer. Aber die Dinger sind eigentlich nicht zu übers e hen.«
»Und Freds Alkalose?«
»Er hat vermutlich nur hyperventiliert. Kann vo r kommen.«
Ein schlichter Panikanfall also. Peinlich für einen As t ronauten. Aber dazu brauchte er keine Kohlendioxid fressenden Bakterien.
»Und Torsten Veith?«
Tupac spülte die Objektträger im Handwaschbecken ab. »Die Dekompression dürfte seinem Blut sämtliche Gase entzogen haben, auch das Kohlendioxid.«
Da hatte der pensionierte Gerichtsmediziner aus B a lingen wohl etwas missverstanden.
»Und die Ameisen?«, fragte ich weiter.
»Welche Ameisen meinst du?«, fragte Van Sung z u rück.
»Die, die ich bei meiner Ankunft im japanischen Quartier gesehen habe. Und unten in der Waffenkammer, und im food stock. Unsere Cyber-Ameisen.«
»Solche?« Van Sung stand auf, ging an eines der Te r rarien, hob den Deckel ab, steckte die Hand hinein und hob sie wieder raus. »So eine?« Ein kleines bläuliches Biest krabbelte seinen behaarten Arm hoch. Er fing es wieder ein.
»Ja, solche.«
»Das ist eine Azteca, you know. Sie lebt im Rege n wald auf dem Ameisenbaum der Gattung Cecropia. Sie schützt den Baum vor Blattschneiderameisen und anderen Fres s feinden. Dafür bekommt sie vom Baum in Knollen e i weißhaltiges Futter. Nur die Faultiere schaffen es, die Ameise zu überlisten, weil sie sich so langsam bewegen, dass die Azteca sie nicht wahrnehmen und nicht angreifen, you know. Hast du schon mal das Fell eines Faultiers g e sehen? Es ist grün von Algen, und zwar von Blaualgen.«
»Cyanobakterien!«
Van Sung nickte lächelnd. »Eine Schmetterlingsart lebt von den Algen im Fell des Faultiers auf dem Ame i senbaum. Und diese Azteca-Art hat die Futterquelle ebenfalls entdeckt. Deshalb erscheint sie bläulich. Tupac hat sie im brasilianischen Regenwald nahe der Grenze zu Bolivien gefunden.«
Tupacs Zähnchen blitzten, diesmal ohne vor Gift zu tropfen.
»Und was machen sie auf dem Mond?«
»Sie sind Teil unseres unausgewogenen biologischen Gleichgewichts in der Biosphäre«, erklärte Van Sung. »Tupac hat sie mitgebracht, weil sie Blaualgen fressen und in sauerstoffarmer und kohlendioxidhaltiger Atm o sphäre überleben können.«
»Aber nicht im Vakuum!«
»Immerhin ein paar Minuten, you know? Ups, jetzt ist sie weg.« Der Brillenwaran lachte. »Ich gebe zu, einige sind uns entlaufen. Aber sie tun nichts. Sie haben keine Giftdrüsen. Solche musst du gesehen haben.« Er lachte leise.
»Und der Unsinn, den du mir über die Rote Feue r ameise erzählt hast, die Unbesiegbare?«
»Es gab sie. Aber sie ist wohl eingegangen, you know. Wir haben schon lange keine von den Ameisen mehr g e funden, die der Japaner mitgebracht hat. Und wenn sie nicht draußen überlebt haben …«
Tupac lachte. »Torsten hat das tatsächlich geglaubt!«
Und ich auch!
Van Sung gluckste. »Du bist hier gestern dermaßen großspurig eingelaufen, dass wir dir … wie sagt man? … auf den Zahn fühlen wollten.«
»Es laufen also wirklich Ameisen im Habitat herum? Nur giftig sind sie nicht.«
Van Sung wischte sich die Augen und putzte sich die Brille. »Nun ja, ich fürchte, wir … wir haben da etwas nachgeholfen. Torsten hat sich immer so fürchterlich über uns aufgeregt … die Freaks vom Biolab. Wir wü r den ständig kiffen, hat er herumerzählt, you know. Da r aufhin haben wir behauptet, die Ameisen des Japaners, die mit den Cyanobakterien im Körper, hätten sich i r gendwie durch die Habitatdichtungen geknabbert. Wir konnten ja nicht ahnen, dass er das so ernst nimmt und … nun, dass er alleine rausgeht, um sie zu finden.«
»Er war eben ein sehr ungeduldiger Mann«, sagte Tu pac. »Hat niemandem was zugetraut, musste immer alles selber machen.«
Es piepste. Van Sung drehte sich zur Computerkons o le um. Auf dem Bildschirm kündigte sich eine Nachricht an. »Von Fred!«, sagte Van Sung. »Er lädt uns zum Tee ein.«
Es war UTC 2 Uhr nachts.
Tupac schob die Objektträger zusammen.
»Aber mir will nicht in den Kopf«, bemerkte ich, »dass der Zufall euch beide, dich und Torsten, hier oben zusammengeführt hat.«
Tupac schluckte. »Nichts auf der Welt ist Zufall. An irgendeiner Stelle hat man immer die Weichen gestellt.« Er
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