Lehmann, Christine
seufzte. »Ich … ich habe Huána geopfert.«
»Was?«
»Seit ich denken kann, wollte ich zum Mond. Mein Vater ist ein kluger Mann, er hat mich in gute Schulen gesteckt. Ich habe alles, was ich kriegen konnte, über die Raumfahrt gelesen.«
»Er ist ein wandelndes Lexikon«, warf Van Sung ein.
»So habe ich auch meinen Schicksalszwilling gefu n den. Torsten und ich sind gleich alt, auf den Tag genau. Er hatte in Köln seine Ausbildung begonnen, hatte ich gelesen. Ich bin nach Französisch-Guayana gegangen. Ich habe im Raumfahrtbahnhof gearbeitet, in der Putzk o lonne, ich habe studiert, ich habe mich fürs Raumfahr t programm beworben, immer wieder. Ich habe meinem Präsidenten geschrieben.«
Tupac stand auf, als könnte er davonlaufen. Aber auf dem Mond entkam keiner. Wir drängelten uns stattdessen in die Luftschleuse.
»Und weiter?«, fragte ich.
»Eines Tages habe ich in einer französischen Zeitung gelesen, dass mein deutscher Schicksalszwilling im Salar Unterdrucktests für ausländische Gasfirmen macht. Ich bin nach Bolivien gereist, um ihn zu treffen. Ich habe ihn getroffen. Er hatte wie ich von Kindheit an den Traum, zum Mond zu fliegen. Er war ein … ein unglücklicher Mann wie ich. Er hatte seine Frau dabei, auch sie war unglücklich, denn sie konnte keine Kinder bekommen. Da habe ich beschlossen, ein Opfer zu bringen.«
»Du hast deiner Schwester …? «
Zischend öffnete sich die Schleuse zum Gang, der zum Habitat führte. Ich hatte mich inzwischen daran g e wöhnt, die sieben Schritte als lang zu empfinden.
»Das verstehst du nicht«, sagte Tupac. »Ich verstehe es auch nicht mehr. Ja, ich habe Huána meiner Schwester weggenommen, in den Wald getragen und neben den Ameisenbaum gelegt. Ich habe sie der Mondfrau Yasi geopfert, damit sie uns beide, Torsten und mich, unseren Träumen näher bringt. Von diesem Moment an hat mich die Kraft puaka getragen. Ich wurde ins französische Raumfahrtprogramm aufgenommen, ich habe mich für die zweite Mondmission beworben, so wie Torsten, und ich wurde ausgewählt.«
Wir wechselten durch die Schleuse ins Habitat. Auch in tiefster Nacht, die draußen auf dem Mond keine war, sondern nur ein paar Grad Schattendrehung, wirkte die Artemis nicht stiller, nicht betriebsamer, nicht mensche n leerer oder voller.
»Dabei«, sagte Tupac mit blitzenden Giftzähnchen zwischen den Lippen, »war es nicht einmal ein echtes Opfer. Ich habe diesem hilfswütigen Franzosen, der stä n dig Artikel über uns schrieb, gesagt, dass da ein Neug e borenes im Wald liegt, das Huána heißt und dazu b e stimmt ist, Torstens Tochter zu werden, damit seine Frau ruhig und glücklich werde auf der Erde.«
Was für präkolumbische Götter hatten da nur ihre Mächte spielen lassen, damit Juana dann als Einzige die Vernichtung ihrer Adoptivfamilie überlebte? Zusammen mit Cervantes ’ sprechendem Hund Cipión .
53
»Man mochte nach ihr rufen, wie man wollte, sie hu n dertmal mondsüchtig heißen, beteuern, sie sei schuld, dass man eines Tages allen Frauen vorwürfe, sie hätten ein Viertel Mond im Kopf, sie scherte sich nicht darum.« Reise zum Mond, Savinien Cyrano de Bergerac, 1649
Rhianna saß wegen ihrer Rippenbrüche sehr aufrecht im mittleren US-Modul auf einem Bett. Krzysztof lü m melte auf der Liege gegenüber. Fred hockte im Unte r hemd auf dem Schemel am Tisch. Vor ihm stand ein au f geklappter Laptop. Giovanni, Gonzo, Bob und Abdul saßen über die weiteren Kojen verteilt. Sie gehörten i m merhin hierher, es war ihr Schlafquartier.
»Es ist ein Earl Grey«, erklärte Fred und zeigte uns die Flashcard in seinem Laptop. Offenbar war es ihm und, wie ich vermutete, Abdul gelungen, die Protokolle der Pulsuhren von irgendeiner eigentlich gesicherten Date n bank herunterzuladen. »Etwas Musik dazu? Ich habe e i nen illegalen Mitschnitt des Techno-Festivals Sonn e MondSterne an der Bleilochtalsperre in Thüringen.« Er schob eine CD in die Schublade seines Laptops und fuhr den Lautstärkeregler hoch.
»Übrigens«, mischte Van Sung seine leise Stimme u n ter den Takt, der einen Puls von 120 suggerierte, »wir sind sauber, so weit.«
Erleichterung hellte die müden Gesichter auf. »Cheers!«, rief Bob. Nur Fred bruddelte etwas, befand aber dann, er habe gleich das Gefühl gehabt, der Doktor habe viel zu viel hergemacht und ihn eigentlich gar nicht beha n delt.
»Aber warum?«, fragte Gonzo. »Was bezweckt man damit?«
Van Sung legte den Finger auf die Lippen. Abdul
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