Bücher online kostenlos Kostenlos Online Lesen
Leopard

Leopard

Titel: Leopard Kostenlos Bücher Online Lesen
Autoren: Jo Nesbø
Vom Netzwerk:
Mobiltelefonen erzählt. Sag, dass ich es morgen abhole.«
    »Wer hat dir was über Ruanda erzählt?«
    »Ach, Beate. Wegen Koltan, du weißt schon, die Metallspuren, die wir an den Zahninnenseiten der zwei Frauen mit den Stichwunden im Mund gefunden haben.«
    »Terminator.«
»Hä?«
    »Ach, nichts. Und was hat das mit Ruanda zu tun?«
    »Koltan wird in Mobiltelefonen verarbeitet. Das ist ein seltenes Metall, und fast alle Koltanvorkommen sind im Kongo. Dummerweise liegen die Vorkommen aber in Kriegsgebieten, über die niemand die Kontrolle hat, so dass clevere Unternehmer sich alles unter den Nagel reißen und nach Ruanda schaffen.«
    »Hm.«
    »Bis dann.«
    Harry wollte das Handy wieder zurücklegen, als er sah, dass er eine ungelesene SMS hatte. Er öffnete sie.
    Nyiragongo. Letzter Ausbruch 2002. Einer der wenigen Vulkane mit einem offenen Lavasee im Krater. Liegt im Kongo in der Nähe der Stadt Görna. Felix
    Görna. Harry schaute ein paar Tropfen hinterher, die von einem Rohr unter der Decke tropften. Da kamen auch Kluits afrikanische Folterinstrumente her.
    »Was ist?«, fragte Kaja.
    »Ustaoset«, sagte Harry. »Und Kongo.«
    »Was soll das heißen?«
    »Ich hab keine Ahnung«, sagte Harry. »Aber ich glaube nicht an Zufälle.« Er umfasste den Griff des Rollwagens und drehte ihn um. »Was tust du?«, fragte Kaja.
    »Umkehren«, sagte Harry. »Wir haben noch mehr als vierundzwanzig Stunden Zeit.«
KAPITEL 29
    Kluit
    E s war ein ungewöhnlich milder Abend in Hongkong. Die Wolkenkratzer warfen lange Schatten auf den Victoria Peak, einige fast bis hoch zu der Villa, auf deren Terrasse Herman Kluit mit einem blutroten Singapore Sling in der einen und dem Telefon in der anderen Hand saß. Während er zuhörte, blickte er den Lichtern der Autos nach, die sich weit unten wie Feuerschlangen durch die Stadt wanden. Er mochte Harry Hole, hatte den großen, athletischen, aber eindeutig alkoholisierten Norweger vom ersten Augenblick an sympathisch gefunden, als er ihn ins Happy Valley spazieren sah, um sein letztes Geld auf das falsche Pferd zu setzen. Wahrscheinlich war es der kriegerische Blick, die arrogante Haltung und die wachsame Körpersprache, die ihn so sehr an seine Zeit als junger Söldner in Afrika erinnerten. Herman Kluit hatte überall gekämpft, auf allen Seiten, immer dem Herrn gedient, der ihn dafür bezahlte. In Angola, Sambia, Simbabwe, Sierra Leone, Liberia. In all den Ländern mit einer finsteren Vergangenheit und einer noch finstereren Zukunft. Aber keins von ihnen finsterer als das Land, nach dem Harry ihn gefragt hatte. Kongo. Dort hatten sie irgendwann eine Goldader entdeckt. In Form von Diamanten. Und Kobalt. Und Koltan. Der Dorfhäuptling gehörte dem Mai-Mai-Volk an, das glaubte, dass Wasser sie unverwundbar machte. Ansonsten war er ein vernünftiger Mann. Es gab nichts, was sich in Afrika mit einem Bündel Geldscheine nicht regeln ließ oder – im Falle eines Engpasses – mit einer Kiste Kalaschnikows. Im Laufe eines Jahres war Herman Kluit ein reicher Mann geworden. Im Laufe von drei Jahren ein steinreicher. Einmal im Monat waren sie in die nächste Stadt gefahren, Görna, um in Betten statt draußen im Dschungel auf der Erde zu schlafen, wo jede Nacht blutsaugende Insekten aus Erdlöchern krochen und man wie ein angefressener Kadaver aufwachte. Görna. Schwarze Lava, schwarzes Geld, schwarze Schönheiten, schwarze Sünden. Im Dschungel hatte die Hälfte der Männer sich Malaria eingefangen, der Rest Krankheiten, die kein weißer Arzt kannte und die unter der Bezeichnung Dschungelfieber zusammengefasst wurden. Eine solche Krankheit hatte auch Herman Kluit, und obgleich sie ihn über lange Phasen in Ruhe ließ, wurde er sie nie ganz los. Die einzige Linderung, die Herman Kluit kannte, war Singapore Sling. Er hatte diesen Drink in Görna kennengelernt, bei einem Belgier, der eine traumhafte Villa besaß, angeblich von König Leopold erbaut, als der Kongo noch Freistaat Belgisch-Kongo hieß und die private Spielwiese und Geldgrube des Monarchen war. Die Villa lag am Ufer des Kivu-Sees, mit Frauen und Sonnenuntergängen, die so wunderschön waren, dass man für eine Weile Dschungel, Mai-Mai und Erdfliegen vergessen konnte.
    Der Belgier hatte Herman Kluit in seinem Keller die kleine Schatzkammer des Königs gezeigt, in der dieser alles gesammelt hatte, ausgeklügelte Uhren, seltene Waffen, phantasievolle Folterinstrumente, Goldklumpen, ungeschliffene Diamanten und präparierte Menschenköpfe.

Weitere Kostenlose Bücher