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Leopard

Leopard

Titel: Leopard Kostenlos Bücher Online Lesen
Autoren: Jo Nesbø
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Dort hatte Kluit auch zum ersten Mal die sogenannten Leopoldsäpfel gesehen, die ein belgischer Ingenieur des Königs für widerspenstige Stammeshäuptlinge entwickelt hatte, die nicht verraten wollten, wo sie ihre Diamanten fanden. Zuvor waren zu diesem Zweck Büffel eingesetzt worden. Man schmierte die Häuptlinge mit Honig ein und band sie an einen Baum. Dann wurde ein Waldbüffel geholt, der gierig den Honig abzuschlecken begann. Dazu muss gesagt werden, dass die Zunge des Waldbüffels so rau ist, dass sie mit dem Honig auch gleich die Haut und das Fleisch ableckte. Von Nachteil war, dass Waldbüffel schwer zu fangen und oft noch schwieriger zu bremsen waren, wenn sie erst einmal zu lecken begonnen hatten. Darum also Leopoldsapfel. Nicht vorrangig wegen seiner Effektivität als Folterwerkzeug – schließlich hatte er den Nachteil, dass er den Gefangenen am Sprechen hinderte. Aber die Wirkung auf die Eingeborenen, die bei der Prozedur zusahen, wenn man zum zweiten Mal an der Schnur zog, ließ keine Wünsche offen. Der nächste, der aufgefordert wurde, seinen Mund zu öffnen, damit der Apfel hineingeschoben werden konnte, redete garantiert wie ein Wasserfall.
    Herman Kluit gab seiner philippinischen Hausangestellten ein Zeichen, dass sie das leere Glas mitnehmen konnte.
    »Ihre Erinnerung trügt Sie nicht, Harry«, sagte Herman Kluit. »Er liegt nach wie vor auf meinem Kaminsims. Ob er jemals zum Einsatz gekommen ist, entzieht sich glücklicherweise meiner Kenntnis. Ein Souvenir. Das mich daran erinnert, was im Herzen der Finsternis auf uns wartet. Das ist immer von Nutzen, Harry. Nein, ich habe weder gesehen noch gehört, dass es anderswo benutzt wurde. Das ist ein kompliziertes Stück Technologie, wissen Sie, all die Federn und Nadeln. Man braucht eine ganz spezielle Legierung dafür. Koltan, genau. Sicher. Sehr selten. Der Mann, von dem ich meinen Apfel erstanden habe, Eddie van Boorst, behauptete, dass überhaupt nur 24 dieser Gerätschaften hergestellt worden seien und dass 22 davon sich in seinem Besitz befänden, davon eine aus zwanzigkarätigem Gold. Stimmt, es sind 24 Nadeln, woher wussten Sie das? Die Zahl 24 hat irgendetwas mit der Schwester des Ingenieurs zu tun, aber ich krieg das nicht mehr zusammen. Möglicherweise hat van Boorst das auch nur gesagt, um den Preis in die Höhe zu treiben. Er ist Belgier, nicht wahr?« Kluits Lachen ging in ein Husten über. Verdammtes Fieber.
    »Er dürfte den Überblick haben, wo die Äpfel sind. Er wohnte in einer entzückenden Villa in Görna in Nord-Kivu, gleich an der Grenze zu Ruanda. Seine Adresse?« Kluit hustete stärker. »Görna kriegt jeden Tag eine neue Straße, und inzwischen ist die halbe Stadt unter Lavamassen begraben, da existieren keine Adressen, Harry. Aber das Postamt kennt seine Weißen. Nein, ich kann nicht sagen, ob er immer noch in Görna wohnt. Oder ob er überhaupt noch lebt. Die durchschnittliche Lebenserwartung im Kongo liegt bei etwas über dreißig Jahren, Harry. Auch für Weiße. Außerdem befindet sich die Stadt praktisch gesehen im Belagerungszustand. Exakt. Nein, natürlich haben Sie von dem Krieg nichts gehört. Das hat keiner.«
    Gunnar Hagen starrte Harry ungläubig an und beugte sich über seinen Schreibtisch. »Du willst nach Ruanda?«, fragte er.
    »Eine kleine Spritztour«, sagte Harry. »Zwei Tage, die Reise inklusive.«
    »Um was zu untersuchen?«
    »Das sagte ich doch. Eine Vermisstenanzeige. Adele Vetlesen. Kaja fährt nach Ustaoset, um rauszufinden, mit wem Adele unterwegs war, bevor sie verschwunden ist.«
    »Wieso ruft ihr nicht einfach dort an und bittet darum, dass sie im Gästebuch nachsehen?«
    »Weil die Hävasshütte nicht bewirtschaftet wird«, sagte Kaja, die auf dem Stuhl neben Harry saß. »Aber jeder, der in einer Touristenhütte übernachtet, muss sich ins Gästebuch eintragen, mit dem Vermerk, wohin man unterwegs ist. Das ist Vorschrift, falls jemand in den Bergen verschwindet, damit die Rettungstrupps wissen, wo sie mit ihrer Suche anfangen sollen. Ich hoffe, dass Adele und ihre Reisebegleitung sich mit vollem Namen und Adresse eingetragen haben.«
    Gunnar Hagen kratzte sich mit beiden Händen am Haarkranz. »Und nichts davon hat was mit den anderen Mordfällen zu tun?«
    Harry schob die Unterlippe vor. »Nicht, soweit ich es sehen kann, Chef. Was sagst du?«
    »Hm. Und wieso sollte ich das Reisebudget der Abteilung für einen so extravaganten Trip verpulvern?«
    »Weil Menschenhandel ein Verbrechen

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