Leopard
Straßenrand saß ein dürrer Mann mit zerrissener Jacke und starrte mit irrem Blick vor sich hin. Joe lenkte den Wagen vorsichtig zwischen den Kratern in dem schlammigen Weg hindurch. Vor ihnen fuhr ein Militärjeep. Ein mit einer MG bewaffneter Soldat musterte sie mit kaltem, müdem Blick. Direkt über ihren Köpfen dröhnten Flugmotoren.
»UN«,
sagte Joe.
»More guns and grenades. Nkunda is coming closer to the city, very strong. Many people escape now. Refugees. Maybe Mister van Boorst too, eh? I not seen him long time.«
» You know him?«
»Everybody knows Mister Van. But he has Ba-Maguje in him.« »Ba-eh- what?«
»Un mauvais esprit. A demon. He makes you thirsty for alcohol. And takes away your emotions.«
Aus der Klimaanlage blies kalte Luft ins Wageninnere, aber trotzdem rann Schweiß zwischen Harrys Schulterblättern herunter.
In einer kurzen Pause zwischen zwei aufeinanderfolgenden Regenschauern hielten sie in einer Art Zentrum von Görna. Die Leute hasteten über die nahezu unbefahrbare Straße zwischen den Läden. Vor den Hausfassaden waren schwarze Steinblöcke aufgestapelt, die als Grundmauern dienten. Der Boden sah aus wie hartgewordene, schwarze Schokoglasur, und durch die Luft wirbelte feiner grauer Staub, der nach verrottetem Fisch stank.
»Dort«, sagte Joe und zeigte auf die Tür des einzigen Steinhauses in der Straße. »Ich warte im Wagen.«
Harry bemerkte, dass ein paar Männer auf der Straße stehenblieben, als er aus dem Auto stieg. Sie musterten ihn mit dem neutralen, gefährlichen Blick, der keine Vorwarnung kannte. Männer, die wussten, dass eine aggressive Handlung ohne jede Vorwarnung am effektivsten war. Harry ging auf direktem Weg zu der Tür, ohne sich umzusehen, um zu demonstrieren, dass er wusste, was er wollte, wohin er wollte. Er klopfte. Einmal. Zweimal. Dreimal. Verdammt. Er hatte doch die verflucht lange Reise nicht gemacht, um hier …
Die Tür öffnete sich einen Spaltbreit.
Ein weißes, zerfurchtes Gesicht sah ihn fragend an.
»Eddie van Boorst?«, sagte Harry.
»Il est mort«,
sagte der Mann mit heiserer Stimme, die wie ein Todesröcheln klang.
Der Mann behauptete, van Boorst wäre tot; so viel Schulfranzösisch war bei Harry hängengeblieben. Harry versuchte es auf Englisch: »Mein Name ist Harry Hole. Ich habe van Boorsts Namen von Herman Kluit in Hongkong bekommen. Ich bin weit gereist. Weil ich mich für Leopolds Apfel interessiere.«
Der Mann blinzelte zweimal. Steckte den Kopf durch den Türspalt und sah nach rechts und links, bevor er die Tür weiter öffnete.
»Entrez«,
sagte er und forderte Harry mit einem Nicken auf einzutreten.
Harry zog den Kopf unter dem niedrigen Türrahmen ein und wäre um ein Haar gestürzt, weil der Boden hinter der Tür mindestens zwanzig Zentimeter abgesenkt war. Es roch nach Rauch. Und nach etwas anderem Bekanntem; das war der süßliche, abgestandene Geruch eines alten Mannes, der mehrere Tage am Stück gesoffen hatte.
Als Harrys Augen sich an die Dunkelheit gewöhnt hatten, konnte er erkennen, dass der kleine, schmächtige Alte einen eleganten, burgunderroten Seidenschlafrock trug.
»Scandinavian accent«,
sagte van Boorst in Hercule-Poirot-Englisch und führte eine Zigarette mit einem vergilbten Mundstück an seine schmalen Lippen.
»Let me guess. Definitely notDanish. Could be Swedish. But I think Norwegian. Yes?«
Eine Kakerlake fuhr in einer Mauerritze hinter ihm ihre langen Fühler aus.
»Mh. An expert on accents?«
»Nur ein Hobby«, sagte van Boorst, geschmeichelt, zufrieden. »In kleinen Nationen wie Belgien muss man über den Tellerrand schauen, man darf sich nicht abkapseln.«
»Gut«, sagte Harry, wandte sich nach rechts und sah zwei uninteressierte Augenpaare auf sich gerichtet. Das eine auf einem gerahmten Porträt in der Ecke über dem Bett. Es zeigte eine Person mit einem langen grauen Bart, einer kräftigen, vorspringenden Nase, kurzem Haar, Epauletten, einer Kette und einem Säbel. König Leopold, wenn Harry sich nicht irrte. Das andere Augenpaar gehörte einem Mädchen, das auf der Seite im Bett lag, den Zipfel einer Decke über die Hüfte drapiert. Das Licht aus dem Fenster über ihr fiel auf ihre kleinen prallen Brüste. Sie beantwortete Harrys Nicken mit einem kurzen Lächeln, das einen großen Goldzahn zwischen den übrigen weißen Zähnen entblößte. Sie war auf keinen Fall älter als zwanzig. An der Wand hinter der schlanken Taille sah Harry einen Bolzen in dem bröckeligen Putz, an
Weitere Kostenlose Bücher