Leopard
aufstanden, um fischen zu gehen. Sein Vater war nie mitgekommen. Wieso eigentlich nicht? Und warum hatte Harry nie darüber nachgedacht? Wieso war ihm instinktiv klar gewesen, dass sein Vater nicht in das Fischerboot gehörte? Hatte er bereits als Fünfjähriger begriffen, dass sein Vater eine Ausbildung gemacht und den Hof verlassen hatte, um nicht mehr in diesem Boot sitzen zu müssen? Doch jetzt wünschte sein Vater sich, dorthin zurückzukehren, um die Ewigkeit dort zu verbringen. Das Leben war schon merkwürdig. Auf alle Fälle der Tod.
Harry zündete sich noch eine Zigarette an. Der Himmel war sternenklar und schwarz, bis auf einen kleinen Fleck über dem Nyiragongo-Krater, der milchig rosa schimmerte. Harry spürte das Jucken eines Insektenstiches. Malaria. Methangas. Weit weg glitzerte der Kivu-See.
Very nice, very deep.
In den Bergen grummelte es, das Geräusch rollte über das Wasser. Ein Vulkanausbruch oder nur einfacher Donner? Harry hob den Kopf. Ein neuerliches Krachen, dessen Echo zwischen den Bergen hin- und hergeworfen wurde. Gleichzeitig erreichte ihn ein anderes Echo von weit her.
Very deep.
Er starrte mit aufgerissenen Augen in die Dunkelheit und nahm kaum wahr, dass der Himmel sich öffnete und der prasselnde Regen die Möwenschreie übertönte.
KAPITEL 32
Polizei
I ch bin nur froh, dass ihr aus der Hävasshütte zurück seid, bevor das da runtergekommen ist«, sagte Krongli. »Sonst hättet ihr da für Tage festsitzen können.« Er nickte in Richtung der großen Panoramafenster des Hotelrestaurants. »Sieht aber klasse aus, finden Sie nicht?« Kaja starrte nach draußen in das dichte Schneegestöber. Er war wirklich genau wie Even, ebenso begeisterungsfähig für die Kräfte der Natur, ob sie sich nun gegen ihn wendeten oder nicht.
»Ich hoffe nur, dass mein Zug durchkommt«, sagte sie.
»Aber ja doch«, antwortete Krongli und fingerte unbeholfen an seinem Weinglas herum. Kaja dachte unwillkürlich, dass er wahrscheinlich nur selten Wein trank. »Wir kümmern uns um alles. Auch um die Gästebücher der anderen Hütten.«
»Danke«, sagte Kaja.
Krongli fuhr sich mit der Hand durch die wilden Locken und verzog den Mund zu einem schiefen Lächeln. Aus den Lautsprechern sickerte zäh wie Sirup Chris de Burghs
Lady in Red.
Es waren nur zwei andere Gäste im Restaurant, zwei Männer Mitte dreißig, die jeweils allein an einem der weißgedeckten Tische saßen, Bier tranken und ins Schneegestöber starrten. Es sah aus, als warteten sie auf etwas, das nicht eintreffen würde.
»Ist es hier nicht manchmal einsam?«, fragte Kaja.
»Kommt drauf an«, erwiderte Krongli und folgte ihrem Blick. »Wenn man keinen Partner und keine Familie hat, trifft man sich halt an Orten wie diesem hier.«
»Um gemeinsam mit den anderen einsam zu sein?«, fragte Kaja.
»Yes«,
sagte Krongli, lächelte und schenkte ihnen beiden Wein nach. »Aber so ist es in Oslo doch wohl auch?«
»Ja«, sagte Kaja. »Das stimmt. Haben Sie Familie?«
Krongli zuckte mit den Schultern. »Ich hatte eine Lebensgefährtin. Als es ihr hier zu einsam wurde, ist sie schließlich dahin gezogen, wo Sie wohnen. Ich kann sie ganz gut verstehen. An Orten wie diesen braucht man einen interessanten Job.«
»Und den haben Sie?«
»Ich finde schon. Ich kenne jeden hier, und die Leute kennen mich. Wir helfen einander. Ich brauche sie, und sie … nun ja …« Er drehte das Glas in der Hand. »Sie brauchen Sie«, sagte Kaja. »Das glaube ich, ja.«
»Und das ist wichtig.«
»Ja, das ist es«, sagte Krongli mit fester Stimme und sah sie an. Evens Blick. Immer irgendwie mit dem Rest eines Lachens im Augenwinkel, als wäre gerade etwas Entscheidendes passiert, etwas, worüber man sich freuen konnte. Auch wenn es nicht so war. Besonders dann, wenn es nicht so war.
»Und was ist mit Odd Utmo?«, fragte Kaja.
»Was soll mit ihm sein?«
»Er ist sofort wieder gefahren, nachdem er mich abgesetzt hatte. Was macht er an einem Abend wie diesem?«
»Woher wollen Sie wissen, dass er nicht Frau und Kinder zu Hause hat?«
»Wenn ich jemals einen Einsiedler getroffen habe, dann …«
»Aslak«, sagte er und hob sein Glas. »Wie ich sehe, sind Sie wirklich eine Polizistin. Aber Utmo ist nicht immer so gewesen.«
»Nicht?«
»Bevor sein Sohn verschwand, war er ansprechbar, ja manchmal richtig umgänglich. Nur jähzornig war er schon immer.«
»Ich hätte nicht gedacht, dass ein Mann wie Utmo verheiratet sein könnte.«
»Seine Frau war sogar
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