Leviathan erwacht - Corey, J: Leviathan erwacht - Leviathan Wakes (The Expanse Series Book 1)
Alarmsirenen an.
»Möglicherweise hat Phase drei doch etwas ganz anderes zu bedeuten«, rief Miller, um den Lärm zu übertönen.
Ansagen über das Lautsprechersystem waren grundsätzlich schwer zu verstehen. Dieselbe Stimme drang aus Konsolen und Lautsprechern, die höchstens einen Meter entfernt waren, und aus Quellen, die sich gerade noch in Hörweite befanden. Jedes Wort hallte nach. Aus diesem Grund wurden die Notfalldurchsagen sehr langsam gesprochen, nach jedem Wort folgte eine kleine Pause.
»Achtung bitte. Die Eros-Station wird vorübergehend abgeriegelt. Begeben Sie sich bitte sofort auf der Casinoebene in die Strahlenschutzräume. Leisten Sie den Anordnungen des Sicherheitspersonals unbedingt Folge. Achtung bitte. Die Eros-Station wird vorübergehend …«
So würde es weitergehen, solange niemand den Alarm abstellte, bis alle Männer, Frauen und Kinder, alle Tiere und Insekten auf der Station zu Staub und Feuchtigkeit zerfallen waren. Es war der schlimmste Albtraum, und Miller tat, was ihm die Erfahrung eines ganzen Lebens in Felsen voller Atemluft sagte. Er sprang sofort auf, lief in den Korridor und eilte zu den breiteren Gängen, in denen sich bereits die Menschen drängten. Holden und seine Crew folgten ihm auf dem Fuße.
»Das war eine Explosion«, überlegte Alex. »Mindestens ein Schiffsantrieb, vielleicht eine Bombe.«
»Sie werden die Station vernichten«, stimmte Holden zu. Es klang beinahe ehrfürchtig. »Ich hätte doch gedacht, dass es reicht, wenn sie Schiffe in die Luft jagen, auf denen ich fliege. Jetzt sind es schon Stationen.«
»Sie ist aber nicht kaputt«, erwiderte Miller.
»Sind Sie sicher?«, fragte Naomi.
»Ich kann Sie reden hören«, erwiderte Miller. »Also gibt es Luft.«
»Die Drucktüren«, sagte Miller. »Wenn die Station ein Leck hat, schließen die Drucktüren …«
Eine Frau stieß gegen Millers Schulter und drängte sich vorbei. Wenn sie nicht sehr vorsichtig waren, würde eine Panik ausbrechen. Hier gab es zu viel Angst und nicht genug Platz. Noch war es nicht so weit, doch die ungeduldigen Bewegungen der Menge, die waberte wie die Moleküle im Wasser kurz vor dem Siedepunkt, beunruhigten Miller sehr.
»Dies ist kein Schiff«, erwiderte Miller. »Es ist eine Station. Wir sind hier in massivem Fels. Was stark genug ist, um die mit Atmosphäre gefüllten Teile der Station zu erreichen, lässt den ganzen Felsen wie ein Ei zerplatzen. Wie ein großes, unter Druck stehendes Ei.«
Die Menge blieb stehen, weil der Tunnel überfüllt war. Die Sicherheitskräfte mussten die Leute dirigieren, und zwar sehr schnell. Zum ersten Mal, seit er Ceres verlassen hatte, wünschte Miller sich, er hätte noch seine Dienstmarke. Irgendjemand prallte gegen Amos und zog sich eilig zurück, als der große Mann knurrte.
»Außerdem ist es ein Strahlungsalarm«, fuhr Miller fort. »Man muss nicht die Luft ablassen, um alle Menschen auf der Station zu töten. Es reicht, ein paar Quadrillionen Neutronen mit Lichtgeschwindigkeit durchzujagen. Über den Sauerstoff muss man dann nicht mehr nachdenken.«
»Wie mich das aufmuntert«, meinte Amos.
»Die Stationen werden aus gutem Grund im Innern von Felsen gebaut«, erklärte Naomi. »Durch so viele Meter Gestein dringt Strahlung nicht so schnell durch.«
»Ich hab mal einen Monat im Bunker gesessen«, sagte Alex, als sie sich weiter durch die Menge drängten. »Das Schiff, auf dem ich war, musste den Reaktor abstoßen. Die automatische Abschaltung hat versagt, und der Reaktor ist noch fast eine Sekunde weitergelaufen. Hat den Maschinenraum zerschmolzen. Fünf aus der Crew auf dem nächsten Deck waren tot, ehe wir überhaupt wussten, dass wir ein Problem hatten. Es hat drei Tage gedauert, die Überreste aus dem geschmolzenen Deck zu schneiden, damit sie beerdigt werden konnten. Wir anderen achtzehn mussten 36 Tage im Bunker hocken, bis der Schlepper eintraf.«
»Klingt schön«, sagte Holden.
»Am Ende haben sechs von ihnen geheiratet, und die anderen haben nie wieder ein Wort miteinander geredet«, sagte Alex.
Vor ihnen rief jemand. Es war kein Schrecken, nicht einmal Zorn, sondern Frustration. Angst. Genau das, was Miller nicht hören wollte.
»Möglicherweise ist das nicht einmal unser größtes Problem«, erklärte Miller. Bevor er den Gedanken weiter ausführen konnte, ließ sich eine neue Stimme vernehmen und übertönte die automatische Durchsage.
»Hört mal her, Leute. Wir sind die Sicherheitskräfte von Eros, que no? Wir
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