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Liebesleben/Mann und Frau/Späte Familie

Liebesleben/Mann und Frau/Späte Familie

Titel: Liebesleben/Mann und Frau/Späte Familie Kostenlos Bücher Online Lesen
Autoren: Zeruya Shalev
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nur darauf, das mußt du unbedingt, und er sagt, ich weiß, ich strenge mich ja an, und endlich spüre ich, daß wir zusammen sind, daß wir ein gemeinsames Ziel haben, wir kämpfen Seite an Seite, nicht in gegnerischen Lagern.
    Willst du ein bißchen hinunter, frage ich ihn wieder, und er schüttelt den Kopf, nein, ich will mich ausruhen, geh du doch hinunter, wenn du möchtest, und ich frage, soll ich dir eine Zeitung bringen, und er sagt, nein, keine Zeitung, hast du irgendein Buch dabei? Ich sage, nein, gar nichts, und dann fällt mir ein, gestern habe ich deine Bibel in die Tasche gepackt, und er betrachtet freudig das schäbige Buch, das ihn auf allen Reisen begleitet, einmal schrie Noga, warum nimmst du das Ding immer mit und mich nie, und sie warf das Buch auf den Boden und trat darauf herum. Mit dem Gedanken an sie wacht meine Sorge wieder auf, sie ißt nichts, weißt du, ich habe sie heute morgen mit Mühe und Not dazu überreden können, eine Tasse Kakao zu trinken, aber er hat schon angefangen zu blättern, es wird gut gehen mit ihr, ein Tag Fasten schadet ihr wohl nichts, sein Gesicht wird ruhig beim Lesen der vertrauten Absätze. Ich gehe hinunter und trinke eine Tasse Kaffee, sage ich schnell und verlasse den Raum, aber ich laufe nicht zur Cafeteria, sondern zu meinem Auto, das weit weg im Schatten der Berge geparkt ist. Er wird hoffentlich gar nicht mitbekommen, daß ich zu meiner Arbeit fahre, und das ist auch gut so, denn obwohl er es ja ist, der tagelang verschwindet, erlaubt er sich immer noch, meiner Arbeit mit Feindseligkeit zu begegnen, als arbeitete ich auf seine Kosten, als wäre ich den traurigen, einsamen Frauen, denen ihr Geheimnis den Bauch aufschwellen läßt, stärker verpflichtet als ihm.
    Von außen sieht unser Heim aus wie alle anderen Häuser, man kann sich nicht vorstellen, wie anders es ist. Ich eile hinein, Annat kommt mir aus einem Zimmer entgegen, wie üblich steckt ihr magerer Körper in Jeans und einem weißen Hemd, die kurzgeschnittenen, leicht ergrauten Haare umrahmen das saubere Gesicht, das immer aussieht, als hätte sie es gerade mit kaltem Wasser und Seife gewaschen, alles an ihr ist streng, sparsam, nicht so verschwenderisch wie bei mir, mit meinen langen Haaren, die so viel Platz einnehmen, den vollen Lippen und dem runden Gesicht. Sie sagt, schön, daß du gekommen bist, und fragt nicht, wie geht es Udi, und ich beherrsche mich und erzähle ihr nichts, denn wir sind schon keine Freundinnen mehr. Jedesmal wenn ich sie sehe, werde ich aufs neue von der Erkenntnis überrascht, daß die Freundschaft zwischen uns zu Ende gegangen ist, eines Morgens, vor einigen Monaten. Ich erschien mit rotgeweinten Augen im Heim, nach einem Streit mit Udi, und zog sie zur Seite, um ihr mit dem üblichen fieberhaften Eifer alles zu erzählen, er hat gesagt, und ich habe gesagt, er hat mich beleidigt, und ich war beleidigt, und sie unterbrach den Wortschwall mit ihrer sauberen Stimme und sagte, ich will es nicht mehr hören. Ich protestierte, was soll das heißen, warum nicht? Weil es sich nicht lohnt, sagte sie, du beklagst dich die ganze Zeit über ihn, aber du tust nichts, du läßt zu, daß er dein Leben beherrscht, du bist nicht fähig, ihn auszuhalten, und du bist nicht fähig, ihn zu verlassen, vielleicht hast du ja noch nicht die Nase voll davon, aber ich.
    Entsetzt und gekränkt lief ich wochenlang herum und hatte nun niemanden, mit dem ich über mein Entsetzen reden konnte, und am Schluß war es ausgerechnet Udi, dem ich alles erzählte, er sagte, was regst du dich auf, sie ist doch bloß neidisch auf dich, weil du eine Familie hast und sie nicht, und es gelang ihm nicht, seine Zufriedenheit zu verbergen. Doch ich wußte, daß er sich irrte und daß sie recht hatte, und ich fuhr fort, innerlich Gespräche mit ihr zu führen, ich kannte sie so gut, daß ich ihren Part leicht übernehmen konnte, manchmal fand ich es sogar einfacher, zu wissen, was sie sagte, als meine Antwort darauf zu finden, und das war es, was von unserer Freundschaft geblieben ist, eigentlich ist das gar nicht so wenig, und seitdem sind wir einfach Arbeitskolleginnen, wie ein geschiedenes Paar, das sich wegen der Kinder bemüht, so bemühen wir uns wegen der Mädchen in unserem Heim. Ich versuche, meine Kränkung zu verbergen, und nur manchmal, im ersten Augenblick des Tages, scheint es mir, als wäre ich im Schlaf gestochen worden.
    Was ist mit Galja, frage ich, und sie sagt, nicht gut, sie weigert sich, das

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