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Liebesleben/Mann und Frau/Späte Familie

Liebesleben/Mann und Frau/Späte Familie

Titel: Liebesleben/Mann und Frau/Späte Familie Kostenlos Bücher Online Lesen
Autoren: Zeruya Shalev
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ich kenne, sagt er, denn er wird sich nie erholen, Tausende von Jahren sind schon vergangen, aber dort sieht es aus, als habe sich nichts geändert, die Sünde war so groß, daß die Erde nicht gesunden kann, sie ist für ewig bestraft. Ich bin daran gewöhnt, daß meine Gedanken ein offenes Buch für ihn sind, schon in seiner Jugend besaß er die Fähigkeit, in sie einzudringen, und auch wenn er sich ein paarmal geirrt hat, so erinnerte ich mich doch nur an die Male, bei welchen er recht hatte, an das unterdrückte Erstaunen, das ich empfand, wenn er einen Gedanken, den ich gedacht hatte, laut weiterführte oder eine Frage beantwortete, die ich nicht gestellt hatte.
    Mach dir keine Sorgen, er lacht zufrieden, ich bin nicht der letzte Mann, Lots Töchter glaubten, daß alle Männer von der Erde vertilgt wären, aber hier ist die Lage umgekehrt, ich werde vielleicht bald vertilgt werden, aber die Erde ist voller Männer, und ich umarme ihn, wieso denn, du bist mein letzter Mann und auch der erste, füge ich scheinheilig hinzu, und er sagt, ja, aber dazwischen gab es noch einen, und seine Stimme wird kühl wie sein Körper, der sich plötzlich von mir entfernt, ich ziehe ihn zurück, Udi, hör auf, alles kaputtzumachen, und er zischt wütend, wieso mache ich etwas kaputt, du bist es doch, die es kaputtgemacht hat, ich drücke seine Schulter, genug, nimm dich zusammen, ich habe einmal etwas kaputtgemacht, aber du tust es unaufhörlich, Udigi, du mußt jetzt gesund werden, versuche, nur an gute Dinge zu denken, diese Bitterkeit vergiftet dich, du zerstörst das Leben von uns allen. Ich versuche, wieder auf ihn zu klettern, wie schön ist das vorhin gewesen, nur ich und sein angenehmes Glied, aber er krümmt sich unter mir, ich muß pinkeln, er steht schwerfällig auf, lehnt sich an die Wand, an den Türstock, kommt mit schwachen Schritten vorwärts, es scheint, als würde er nie die Kloschüssel erreichen, die mit offenem Maul auf ihn wartet, ich gehe in der Dunkelheit hinter ihm, ich habe keine Lust, Licht anzumachen und das Geschirr zu sehen, das im Haus verstreut ist, die Kleidungsstücke, die Schuhe, auch nicht die alten Möbel und all die Anzeichen der Vernachlässigung, die von unserem Leben Besitz ergriffen hat, ich betrachte seine schmale Silhouette, laß uns morgen früh von hier wegfahren, Udi, schon lange sind wir nicht mehr zusammen irgendwohin gefahren, wir könnten Noga bei meiner Mutter lassen und in den Norden fahren. Er lehnt sich an die Wand, das scheint mir keine gute Idee, sagt er, ich fühle mich noch nicht ganz gesund, aber ich gebe nicht auf, das ist jetzt mein Ziel, stark und plötzlich, ich will hier weg, ich will vor dieser Adresse fliehen, vor der gefährlichen Umarmung der alten Wände, als ob uns ein Erdbeben bevorstünde. Wenn wir fahren, wirst du dich besser fühlen, beharre ich, wir haben es verdient, uns ein bißchen auszuruhen, du wirst sehen, daß dich das gesund macht, ich stelle mich hinter ihn, meine Hände suchen die Zustimmung seines Körpers.
    Aber er entzieht sich vor dem Spiegel, streicht sich über die neuen Bartstoppeln, sein dickköpfig vorgeschobener Kiefer verleiht ihm ein kindliches Aussehen, warum läßt er nicht locker, warum bewacht er so stur jene Kränkung, als sei sie der größte Schatz, den er in seinem Leben angesammelt hat? Was hast du schon getan, höre ich Annats ruhige, geliebte Stimme sagen, und ich antworte, auch wenn es in deinen Augen eine Kleinigkeit ist, in seinen Augen ist es etwas anderes, seine Verletzung ist groß, sie lacht und sagt, sie ist groß, weil er sie vergrößert, schau nur, wie er sie benutzt, er kocht dich die ganze Zeit auf dem Feuer deiner Schuld, dein ganzes Leben lang mußt du ihn versöhnen, man könnte glauben, er wäre ein Gerechter. Ich schütze ihn, er hat mich nie betrogen, du siehst einfach nicht, wie sensibel er ist, und sie sagt, ich sehe sehr wohl, wie sensibel er sich selbst gegenüber ist, aber wo ist er sensibel dir gegenüber, nie hat er sich bei dir sensibel gezeigt, er hat das Bedürfnis, Schuld zuzuweisen, und du hast das Bedürfnis, dich schuldig zu fühlen. Sie hat recht, sage ich innerlich zu mir, ich werde es nicht länger zulassen, daß er mir Schuldgefühle macht, ich werde ihn nicht um Verzeihung bitten. Ich ziehe die Hände zurück, wenn du nicht willst, dann eben nicht, sage ich und gehe ins Badezimmer, um mich zu waschen, wenn du nicht fahren willst, fahre ich eben später, wenn du dich erholt hast, dann

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