Liebesleben/Mann und Frau/Späte Familie
fahre ich eben allein, ich schließe schnell das Fenster und er erstarrt vor dem Spiegel, Annat, die Kluge, immer muß ich ihre Stimme hören, und dann sagt er, in Ordnung, wenn du so dringend willst, dann werden wir fahren.
Am Morgen besiege ich meinen alten Feind, den Wecker, ich stopfe ihm den Mund, bevor er anfängt zu rasseln, und laufe in Nogas Zimmer, um sie zu wecken, aber das leere Bett verkündet ihre Abwesenheit. Erschrocken bleibe ich davor stehen, ein leeres Zimmer verwandelt sich blitzschnell in ein Zimmer der Erinnerung, die Bilder an den Wänden bekommen eine neue Bedeutung. Da ist sie eine Woche alt, ihr Kopf lugt über Udis Schulter hervor, mit halb geschlossenen Augen, und da sind wir zu dritt auf der karierten Decke, sie umarmen sich, und ich betrachte sie von der Seite, meine Haare sind zusammengebunden, mein Gesicht ist schön, auf diesem Bild bin ich fast so schön wie meine Mutter, nur daß sie ihre Schönheit immer zur Schau gestellt hat und ich meine verstecke, als wäre sie gestohlen, und dort auf dem Tisch liegen ihre Hefte, ich blättere neugierig in ihnen, suche nach einer unklaren Information, die plötzlich an Bedeutung gewinnt, aber die Blätter sind fast leer, auf den ersten Seiten stehen ein paar vereinzelte Sätze, danach breitet sich eine weiße, besorgniserregende Leere aus.
Ich verfolge die leblosen Dinge, die in ihrer letzten Bewegung erstarrt sind, die Kleider, die auf den Teppich geworfen wurden, die Ärmel mit aufgerissenen Mäulern, als bewahrten sie, gerade ausgezogen, ihre Bewegungen. Plötzlich packt mich eine wilde Sehnsucht, ich setze mich auf den Teppich, was werde ich ohne sie anfangen, sie muß mit uns kommen, sie macht ohnehin nichts in der Schule, wir werden zusammen wegfahren, doch dann fällt mir ein, was das bedeutet, ich fühle die ganze Spannung, bin wieder zerrissen zwischen ihnen, sehe zu, wie sie sich bemüht, seine Liebe zu wecken, bin böse auf ihn, weil er sie enttäuscht, und dann auf mich, nein, dafür habe ich keine Kraft. Ich rufe meine Mutter an, ihre Stimme ist traurig und leise, so ganz anders als die Stimme, die sie früher hatte, sie sagt, in der Nacht hat mich mein Ulkus ein paarmal aufgeweckt, aber jetzt gibt er Ruhe. Schon seit einem Jahr bildet diese Wunde im Magen ihre Welt, sie pflegt sie hingebungsvoll, wie man ein Baby pflegt, es wäre schön gewesen, wenn sie sich so fürsorglich um uns gekümmert hätte. Kühl frage ich, wie geht es Noga, und sie seufzt, Noga ist in Ordnung, aber man muß etwas unternehmen wegen ihrer Situation in der Klasse, ich frage, was ist passiert? Sie sagt, was, hat sie es dir nicht erzählt, sie fühlt sich allein, die anderen Mädchen lachen sie aus, weil sie sich anzieht wie ein Junge, und die Jungen wollen nichts mit ihr zu tun haben, weil sie ein Mädchen ist. Ich umklammere bekümmert den Telefonhörer, warum erzählt sie mir nichts, schon kitzelt mich ein Weinen in der Kehle, und meine Mutter versucht noch nicht einmal, ihren Stolz zu verbergen, ich soll bloß keine Sekunde lang annehmen, ich wäre eine bessere Mutter, als sie es war, sie sagt, sie will dich nicht beunruhigen, verstehst du das nicht?
Gib sie mir, sage ich und versuche, meine Stimme fest klingen zu lassen, guten Morgen, Nogigi, und sie antwortet, guten Morgen, Mama, und diese drei formellen Wörter brennen in meinen Ohren, guten Morgen, Mama, und ich sage, ich fahre mit Papa für zwei Tage in den Norden, wir wollen uns ein bißchen ausruhen, und sie sagt, schön, Hauptsache, Papa wird gesund. Oma hat mir gesagt, daß es dir in der Klasse nicht besonders gut geht, sage ich ermunternd, aber sie zieht sich sofort zurück, das ist nicht wichtig, Mama, ich komme schon zurecht, Hauptsache, ihr fahrt und habt euren Spaß und Papa wird wieder gesund, und ich entschuldige mich, es ist nur für zwei Tage, übermorgen sehen wir uns schon wieder, und du erzählst mir alles, was los ist, und sie unterbricht mich, also dann bye, Mama, ich komme sonst zu spät, und sie läßt mich allein zwischen ihren Sachen. Was soll das heißen, wie ein Junge, protestiere ich, es stimmt, sie macht sich nicht zurecht, sie kämmt sich gerade mal, sie trägt meistens T-Shirts von Udi, die ihren Körper fast bis zu den Knien bedecken, aber was gibt es darüber zu lachen, und dann erinnere ich mich, daß wirklich schon sehr lange keine Freundin mehr zu ihr gekommen ist, auch aus dem Telefon sind schon lange keine zwitschernden Stimmen mehr gedrungen, niemand fragt
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