Bücher online kostenlos Kostenlos Online Lesen
Liebesleben/Mann und Frau/Späte Familie

Liebesleben/Mann und Frau/Späte Familie

Titel: Liebesleben/Mann und Frau/Späte Familie Kostenlos Bücher Online Lesen
Autoren: Zeruya Shalev
Vom Netzwerk:
mehr, kann ich Noga sprechen, und mir ist es noch nicht einmal aufgefallen, jetzt möchte ich eigentlich nirgendwohin fahren, ich möchte mich nur als Zehnjährige verkleiden und sofort zu ihrer Schule gehen und neben ihr sitzen und ihre beste Freundin sein, ich möchte ihre Geheimnisse erfahren und ihr sagen, daß sie von allen Mädchen die tollste ist.
    Aus dem Badezimmer dringen duftende Dämpfe, ich trete ein, er liegt in der Badewanne, den jugendlichen Körper mit durchsichtigem Wasser bedeckt, die Haare nach hinten gekämmt, so daß die hellen Geheimratsecken freiliegen und das feingeschnittene Gesicht stärker hervortritt. Ich beschließe, ihm vorläufig nichts zu sagen, jedesmal wenn ich versuche, ihn an meinen Sorgen um Noga zu beteiligen, reagiert er, als würde ich ihn beschuldigen, und verteidigt sich heftig. Wie geht’s, frage ich, und er lächelt, wenn ich es geschafft habe, aus eigener Kraft bis in die Wanne zu kommen, ist das schon ein Fortschritt, und ich betrachte ihn erstaunt, das alles gehört mir, auf eine seltsame Art, ein ganzer Mensch gehört mir, er ist mir neu geschenkt worden, ich habe es geschafft, ihn aus den verführerischen Armen der Krankheit zu stehlen, er zieht mich ihr trotzdem vor, und schon steigt ein dummer Triumph in mir auf, ich tauche die Hand ins Wasser und lasse zwei Finger über seinen Körper wandern, er versucht, mich in die Wanne zu ziehen, aber ich winde mich aus seinem Griff, warten wir doch, bis wir dort sind, und er lächelt, wir könnten doch jetzt und auch dann, wenn wir ankommen.
    Die alte Tasche, die ich vor gerade mal zwei Tagen für das Krankenhaus gepackt habe, füllt sich wieder, gedankenlos stopfe ich Kleidungsstücke und Waschzeug hinein, mit einer gespielten Fröhlichkeit, die langsam auch mich überzeugt, mir ist klar, daß fast alles davon abhängt, wofür man sich entscheidet, Kummer und Freude, Feindseligkeit und Nähe, sogar Gesundheit und Krankheit, und nur manchmal trifft mich aus Nogas Zimmer eine dunkle Welle von Sorge. Wieder schaue ich hinein, ich habe das Gefühl, als versteckten sich dort erstickte Seufzer, wie die Seufzer von Verschütteten bei einem Erdbeben, gerade vorhin habe ich mit ihr gesprochen, erinnere ich mich, sie ist überhaupt nicht hier, aber auch als wir das Haus verlassen, nachdem wir die Tür dreimal abgeschlossen haben, muß ich noch mal hinauf, nur um sicher zu sein, daß ich den Boiler ausgestellt habe, sage ich zu Udi, ich renne zu ihrem Zimmer, schaue mich um und rufe ihren Namen, ihr Zimmer ist leer, und trotzdem kommt es mir vor, als würden wir in der abgeschlossenen Wohnung ein lebendes Wesen zurücklassen, wehrlos und um Hilfe flehend.

#
    7
    Auf einer gewaltigen Asphaltrutsche gleiten wir hinunter in die Arme der Wüste, Udi fährt schnell, und ich drücke die Knie aneinander, die altbekannte Angst kneift mich schon in den Tiefen der Leistengegend, ich lege meine Hand auf seinen Oberschenkel, nicht so schnell, du übertreibst, und er beschwert sich, immer wenn mir etwas großen Spaß macht, sagst du, daß ich übertreibe, trotzdem fährt er etwas langsamer, damit ich sehen kann, wie die judäische Wüste ihr Zepter schwingt, ich staune, schau nur, diese Trockenheit, wirklich ein anderes Land, und er sagt, man bewässert hier einfach nichts, das ist alles. Aber vor zwei Minuten war noch alles grün, widerspreche ich, wieso passiert das so plötzlich, und er erklärt mir mit erstaunlicher Geduld, wie den Gruppen, die er führt, was es mit dem Zug der Regenwolken auf sich hat, die auf ihrem Weg vom Meer zu den Bergen danach streben, sich auszuregnen, die höher und höher steigen und immer dicker werden, bis sie zum höchsten Punkt kommen, zu der Stadt oben auf den Bergen, von wo aus die Luft anfängt, sich bergab zu senken, und nun passiert alles mit unglaublicher Geschwindigkeit, das Wasser verwandelt sich wieder in Dunst, der Dunst verwandelt sich in Gase, und ich frage, und wenn eine Wolke es nicht geschafft hat, bis Jerusalem zu regnen, trocknet sie dann einfach aus, und Udi nickt, ja, sie schrumpft, bis sie aufhört, eine Wolke zu sein. Was ist die Wolke dann, frage ich traurig, denn plötzlich fällt mir eine Geschichte ein, die er sich einmal für Noga ausgedacht hat, als sie noch ganz klein war, die Geschichte von der kleinen Wolke Chanan, einer naiven, gutmütigen Wolke, die beschließt, ihren Regen unbedingt auf die Pflanzen der Wüste fallen zu lassen. Sie erhob sich über das Meer und wurde immer dicker,

Weitere Kostenlose Bücher