Liebesleben/Mann und Frau/Späte Familie
viel mehr Spaß, und gleich werde ich es dir drehen, ich protestiere mit schwacher Stimme, nicht jetzt, Udi, das ist gefährlich, aber seine Finger bringen mein Becken zum Zittern, hilflos fange ich an, mich zu winden, ich habe das Gefühl, als läge ich unten auf dem Boden eines früheren Meeres, salzig und rund, nahe der wilden Seele dieser Erde, nahe dem Puls der wilden Tiere, die vor Tausenden von Jahren hier herumliefen, und er packt mich mit einer plötzlichen aufreizenden Fremdheit, als wäre er nicht mein Mann, seit er zwölf Jahre alt war, seine Hand ist in mir, und seine Augen sind konzentriert auf die Straße gerichtet. Werde fertig, flüstert er, ich höre nicht auf, bis du kommst, und ich sage mit trockenem Mund, übertreibe nicht, das kann ein Jahr dauern, und er gibt keine Antwort, aber seine langen Finger bleiben stur, sammeln meinen ganzen Körper um sich, verstreuen Tausende von Schmetterlingen tief in mir, ihre kleinen Flügel breiten sich in mir aus, stoßen aneinander, streicheln und lecken, und meine Kehle wird trocken, ich versuche zu flüstern, vielleicht bleibst du am Straßenrand stehen, aber er nimmt mich nicht wahr, und auch ich nehme ihn schon nicht mehr wahr, Tausende von Flügeln lassen mich tief innen erzittern, sie lachen furchtsam, lösen Nektar in meinem Unterleib, und als ich die Augen aufmache, sehe ich zu meinem Erschrecken schwarze Wolken aus Schmetterlingen gegen die Windschutzscheibe schlagen, ich schreie, was ist das, und er sagt, beruhige dich, das passiert hier manchmal, da kann man nichts machen, ich versuche, langsam zu fahren, und sanft zieht er seine Hand aus mir, betrachtet sie mit dem Lächeln eines Siegers.
Ich schiebe den Sitz zurück, werfe einen schuldbewußten Blick zum Himmel, wie angenehm ist es, so zu fahren, als wäre diese wilde Landschaft zu Gast in meinem Bett, erstaunt schiele ich zu Udi, ja, man kann sich noch in ihn verlieben, sogar ich kann mich noch in ihn verlieben, Hunger kitzelt meinen Bauch, die angenehme Erwartung auf Essen, und dann richte ich mich plötzlich auf, was ist mit Noga, ich habe vergessen, meine Mutter zu fragen, ob Noga aufgehört hat zu fasten. Udi schaut mich erstaunt an, was ist los, ich habe gedacht, du wärst eingeschlafen. Ich muß unbedingt wissen, ob Noga heute morgen etwas gegessen hat, murmele ich nervös und greife nach dem Handy, aber bei meiner Mutter antwortet niemand, und in der Schule will ich nicht anrufen, Udi beklagt sich, jedesmal wenn es dir gut geht, gräbst du dir eine neue Sorge unter der Erde hervor, und ich werde gereizt, das muß ich wirklich nicht aus der Erde graben, das ist über der Erde, ungefähr anderthalb Meter über der Erde, ist das genügend hoch für dich? Er widerspricht, du hilfst ihr doch nicht dadurch, daß du dich selbst bestrafst, ich verspreche dir, daß sie gut ißt, nicht, daß deine Mutter fähig wäre, etwas zu kochen, er verzieht verächtlich den Mund, und ich kann mich nicht beherrschen, was, ist sie dir vielleicht egal?, und schon sind meine Augen nasse Gruben, er knurrt, natürlich ist sie mir nicht egal, sie ist meine Tochter, oder? Ich übertreibe nur nicht so wie du, das ist alles, und es geht mir auf die Nerven, daß du mich die ganze Zeit auf die Probe stellst.
Deprimiert betrachte ich den Himmel, je weiter nördlich wir kommen, desto bewölkter wird er, aber das tröstet mich schon nicht mehr, was ich auch tue, es ist nicht richtig, warum geht alles kaputt, wenn wir Noga erwähnen, es müßte doch genau umgekehrt sein, Eltern freuen sich doch gemeinsam über ihre Kinder, wir selbst haben uns doch wahnsinnig über sie gefreut, als sie noch ein Baby war, warum heilt diese Wunde nicht, und ich habe Lust, zu sagen, komm, fahren wir zurück nach Hause, diese Reise ist sinnlos, zu dieser Wunde paßt kein prächtiges Hotel, sie muß sich zu Hause verstecken, und bis sie nicht geheilt ist, wird es uns miteinander nicht gut gehen, geben wir auf. Die Luft wird kühler, die Farben nehmen einen grauen Ton an, als wären wir in einem anderen Königreich angekommen, bedrückender, aber realer und viel authentischer als das heiße, wilde Reich der Wunder mit den Palmen und den Bananen und der riesigen Wiege zwischen den Bergen von Judäa, und auch sein Gesicht verdüstert sich, seine Wangen hängen unlustig über den Knochen, unter dem Kinn baumelt eine weiche Hautfalte, schlechte Laune bedroht ihn, ich muß sie verhindern, ich muß mich zurückhalten, nur nicht die Bestie der
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