Liebesleben/Mann und Frau/Späte Familie
so hin und her geschaukelt wurde, als wäre noch Leben in ihr, ein antikes Mädchen, auch wenn sie alt geworden wäre, wäre sie längst hier in diesen kalten Steinhöhlen begraben, gibt es nicht genug Gründe zu sterben, hat er gesagt, und gibt es nicht genug Gründe, sich Sorgen zu machen, ich versuche, mich mit den Worten zu ermutigen, die ich auf einem der Grabsteine gelesen habe, seid stark, fromme Eltern, kein Mensch ist unsterblich.
Je weiter wir nach Norden kommen, um so mehr zieht sich das Licht zurück, es sieht aus, als würde die Sonne noch vor dem Mittag untergehen, ein dichter Nebel versperrt uns den Weg, und wir winden uns mit der schmalen Straße in die Wolkenberge, die sich von nahem feindlich und fremd anfühlen, nicht weich, wie man erwarten würde. Udi fährt angestrengt, seine Stirn berührt fast die Windschutzscheibe, seine Augen sind zusammengekniffen, und seine Schultern wiegen sich mit rudernden Bewegungen von einer Seite zur anderen, ab und zu springen uns Warnlichter entgegen, unter uns eine schwer atmende, hungrige Schlucht. Schwarzer Regen prasselt plötzlich aus einer Wolke herab, die wie ein riesiger Bär auf dem Dach des Autos liegt, der Regen peitscht gegen die Scheibe, und ich bewege unruhig die Füße, mir scheint, als wären sie von Seilen umwickelt, die uns in den Abgrund zerren wollen, und über meinem Kopf zieht der Magnet des düsteren Himmels, ein einziger Atemzug kann das ewige Gleichgewicht zwischen Himmel und Erde zerstören, und ich hänge im Nichts wie zwischen meinem Vater und meiner Mutter.
Wenn wir angekommen sind, springe ich ins Schwimmbecken, sagt Udi, und ich werfe ihm einen erstaunten Blick zu, woher hat er diese Sicherheit, daß wir überhaupt ankommen, die Straße ist so schmal, und wenn uns ein Auto entgegenkommt, gibt es einen kurzen Moment, in dem wir am Bergrand schaben, einen Moment, in dem es scheint, als gehe es um uns oder sie. Unsere Existenz steht auf dem Spiel, und Udi beschäftigt sich mit Überflüssigem, aber da biegt er in eine Seitenstraße ab, weg von der Schlucht, die enttäuscht ihr Maul zuklappt, und schon gehören wir zu einem anderen Ort, zu einem großzügigen, freundlichen Landhotel, das uns bereitwillig aufnimmt, wie Flüchtlinge, die endlich am Ziel sind. Die schmale Straße auf dem Rücken der Wolken wird zu einer dumpfen Erinnerung, nur der Gedanke an die Rückfahrt bedrückt mich, aber ich ignoriere ihn, so fern kommt mir der Zeitpunkt unserer Rückkehr vor, als würden bis dahin neue Straßen durch das Land führen und als wären bis dahin alle Schluchten mit Sand gefüllt.
Glücklich strecke ich mich auf dem Bett aus, noch nie habe ich ein so großes Bett gesehen, es macht mich zu einer Zwergin, meine ausgestreckten Arme und Beine reichen nicht bis zum Rand, ich dehne mich vergnügt, siehst du, es muß nicht immer das Schlimmste passieren, es gibt noch andere Möglichkeiten, Noga ist in Ordnung, Udi ist wieder gesund, wir sind heil angekommen und befinden uns in diesem Palast mit allem Luxus, die Gletscher auf meinem Rücken schmelzen zu einer warmen Flüssigkeit, Udi wühlt schon in der Tasche, er ruht sich keinen Moment aus, wo ist meine Badehose, bist du sicher, daß du sie nicht vergessen hast? Er wirft unsere Kleidungsstücke auf den Boden, genau wie Noga, bis er erleichtert das schwarze Stück Stoff herauszieht und sofort anzieht. Komm schon, drängt er, während ich noch auf dem Bett liege, ich komme gleich runter, ja? Er wickelt sich schnell in einen weißen Bademantel und verschwindet, und ich betrachte die Tür, die sich seinem Willen unterwirft, sein Wille wird zu meinem, ich stehe sofort auf, ziehe meinen Badeanzug an, prüfe mißtrauisch meinen armen Körper und bedecke ihn mit einem Bademantel, das hier ist etwas Ähnliches wie ein Krankenhaus, alle tragen weiße Kittel.
Glasscheiben umhüllen das Schwimmbad wie ein Regenmantel und schützen es vor jedem Sturm, es herrscht hier das angenehme Dämmerlicht eines Winternachmittags, das den Biß des Alters verdeckt, und da sind Udis Arme, die ins Wasser schlagen, wenn ich hier erzählte, daß sie gestern noch gelähmt waren, man würde mir ins Gesicht lachen, versunken in sein Wunder, fährt er fort, ohne mich zu bemerken. Wir schwimmen nebeneinander in den schmalen Bahnen, aber ich ignoriere ihn, seine Existenz verschwindet immer mehr, als hätten wir uns noch nie getroffen, als befände ich mich noch in einer anderen Zeit, in der Beschränkung, in der ich lebte, bis
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